Die Vernichtung von Datenträgern aus dem Kanzleramt in Österreich unmittelbar vor dem drohenden Sturz der Regierung ist laut Medienberichten umfangreicher gewesen als bisher angenommen. Am Wochenende war bekannt geworden, dass ein Mitarbeiter des ehemaligen österreichischen Kanzlers Sebastian Kurz sechs Tage nach dem Auffliegen der sogenannten Ibiza-Affäre eine Festplatte schreddern ließ.

Nun berichten Süddeutsche Zeitung, Spiegel und das österreichische Magazin Falter über neue Details: Laut den übereinstimmenden Berichten soll es sich bei dem Mann nicht nur um irgendeinen Mitarbeiter aus dem Kanzleramt gehandelt haben, sondern um Anro M., einen engen Vertrauten von Kurz, zuständig für den Social-Media-Auftritt des Kanzlers. Demnach hat M. auch nicht nur eine Festplatte vernichtet, wie bisher bekannt, sondern fünf Datenträger zu einem Schredder-Unternehmen gebracht. Für den Auftrag gab er einen falschen Namen an.

Ein Video, das den Medien vorliegt, zeigt, wie M. die Vernichtung der Festplatten persönlich beaufsichtigt. Zudem legte er Wert darauf, dass die Datenträger nicht nur ein, sondern drei Mal im Reißwolf zerkleinert werden. Es sei in der 25-jährigen Geschichte des Unternehmens noch nie passiert, dass jemand unter falschem Namen und mit solchem Aufwand Festplatten habe vernichten lassen, sagt der Geschäftsführer der Firma dem Falter.

Die sogenannte Ibiza-Affäre war im Mai 2019 durch die Veröffentlichung eines belastenden Videos ausgelöst worden. Das Video zeigt, wie sich im Sommer 2017 der damalige FPÖ-Vorsitzende und spätere Vize-Kanzler Heinz-Christian Strache und sein Parteifreund Johann Gudenus in einer Villa auf Ibiza mit einer vermeintlichen russischen Oligarchennichte trafen. Strache und Gudenus stellten ihr im Gegenzug für Wahlkampfunterstützung öffentliche Aufträge in Aussicht. Dabei sprachen sie von Möglichkeiten, Spenden an die FPÖ über parteinahe Vereine umzuleiten und so zu verschleiern.

Aufgedeckt hatte die Vernichtungsaktion am Wochenende die Zeitung Kurier. Laut dem Bericht durchsuchte die "Soko Ibiza" die Wohnung des Kurz-Mitarbeiters. Offenbar hatte der Mitarbeiter die Rechnung für die Datenvernichtung nicht bezahlt, was das Unternehmen dazu veranlasste, die Polizei einzuschalten. Sie konnte ihn anhand seiner Handynummer identifizieren, die er laut dem Bericht hinterlegt hatte.

Es ist unklar, welche Daten auf den Festplatten waren. Die zeitliche Nähe zum Bekanntwerden des Videos hatte zu Spekulationen geführt, die Vernichtung der Daten könne etwas mit dem Ibiza-Skandal zu tun haben. ÖVP-Chef und Ex-Kanzler Kurz hat dies zurückgewiesen. Die Vernichtung sensibler Daten sei angesichts des bevorstehenden Regierungswechsels nicht ungewöhnlich.

Nach dem Bekanntwerden des Ibiza-Videos war die Regierungskoalition aus FPÖ und Kurz' ÖVP zerbrochen. Ende September wird der Nationalrat neu gewählt. Während Strache nicht mehr antritt, wirbt Ex-Kanzler Kurz um seine Wiederwahl.