Verkohlte Steine und Holzstücke liegen noch immer vor Notre-Dame, der berühmten Pariser Kathedrale. Weiße Tücher spannen sich über die Steinbögen, Baukräne transportieren Schotter und Gerüste ab. Unzählige Ingenieure mit Vermessungsgeräten, Zimmermänner mit Werkzeugkoffern und Architektinnen mit Notizblöcken schwirren an diesem Julimorgen um das Pariser Symbol. Touristen zoomen den Dachstuhl heran, der im Brand am 15. April nahezu vollständig verkohlte. Betreten dürfen sie Notre-Dame noch immer nicht. Und vielleicht ist es noch nicht mal klug, sich zu lange in der Nähe der Kathedrale aufzuhalten.  

Das französische Onlinejournal Mediapart veröffentlichte am Donnerstag unter dem Titel Nach dem Brand – der Gesundheitsskandal interne Dokumente der Präfektur, nach denen rund um Notre-Dame mehr als 700-mal so viele Bleipartikel gefunden wurden, als erlaubt ist. Zeugen berichten von einer Sitzung der Pariser Gesundheitsbehörde ARS, auf der beschlossen wurde, diese Zahlen nicht zu publizieren. Anwohner und Touristen sollten nicht verunsichert werden, habe es geheißen.

Die ARS reagierte noch am selben Tag auf die Vorwürfe: Sie beschwichtigt in einer Pressemitteilung, dass die Luftqualität auf der Île-de-la Cité, also der Binneninsel, auf der Notre-Dame gebaut ist, "insgesamt gut" sei. Allerdings, so räumt die Behörde ein, sei die Dekontaminierung des Vorplatzes offenbar nicht "so effektiv" gewesen wie gewünscht. Mit anderen Worten: Tatsächlich sind die Bleiwerte auf dem Platz zu hoch. Deshalb ruft die ARS Anwohnerinnen und Anwohner dazu auf, ihr Blut kontrollieren zu lassen. Geschätzte 400 Tonnen Blei wurden bei dem Brand freigesetzt. Das giftige Schwermetall befand sich in der Turmspitze und im Dachstuhl von Notre-Dame. Blei ist erwiesenermaßen krebserregend und mindert die Fruchtbarkeit, wenn es über feine Partikel in der Luft in die Lunge gelangt.

Eine Dekontaminierung des gesamten Umfelds und auch der anliegenden Wohnungen würde allerdings viele Wochen kosten. Zeit, die fehlt. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will Notre-Dame innerhalb von fünf Jahren wiederaufbauen. Bis zu den Olympischen Spielen in Paris 2024 soll das weltberühmte Bauwerk wieder ein Dach, eine Turmspitze und möglicherweise noch einen modernen Zusatzbau erhalten. Macron liebt die Vokabel "effizient" und im Elan und in den großen Emotionen der ersten Stunden nach dem Brand verspürten wohl auch viele Anhänger von Notre-Dame Erleichterung, ihr Bauwerk so schnell wieder auferstehen zu sehen.

Umweltschützer sind alarmiert

Inzwischen aber sorgen sich die Opposition, Kunsthistorikerinnen und Architekten um die Frist von nur fünf Jahren. Um diese überhaupt einhalten zu können, hat die Regierung in dieser Woche ein Gesetz verabschiedet, mit dem künftig durch einfache Verordnungen Standards für Umwelt und Sicherheit beim Wiederaufbau von Notre-Dame außer Kraft gesetzt werden dürfen. Eine gefährliche Entwicklung, kritisieren Umweltschützer. "Schutzgesetze für die Umwelt dürfen nicht geopfert werden. Sie sind kein Hindernis für ein schönes Bauwerk, sondern unerlässlich", twittere der Anwalt für Umweltrecht Arnaud Gossement. In einer Tribune in der Tageszeitung Le Figaro forderten mehr als tausend Denkmalschützer, nichts zu überstürzen und mit größter Sorgfalt zu restaurieren. "Wir dürfen nicht für eine angebliche Effizienz auf ein durchdachtes und komplexes Vorgehen verzichten", heißt es dort.