Aus den Bordlautsprechern der "Stena Impero" schallen Korangesänge übers Wasser; gerade wurde der Tanker von maskierten Spezialeinheiten des Iran festgesetzt. Das Video, das die Kaperung zeigt, wirkt wie aus einem Agententhriller. Die Propagandabotschaft der Revolutionären Garden lautet: Hier, vor der Haustür der Islamischen Republik, in der Straße von Hormus, hat einzig der Iran das Sagen.

Die Meerenge ist eine strategisch wichtige Hauptroute des Öltransports – und sie wird mehr und mehr zum zentralen Schauplatz des Iran-Konflikts. Die USA operieren dort bereits mit einem größeren Flottenverband, zu dem der Flugzeugträger "Abraham Lincoln" und das Landungsschiff "Boxer" mit 4.500 Marinesoldaten an Bord gehören. Großbritannien will seine Öltanker künftig durch eine europäische Seemacht schützen lassen. Durch den militärischen Aufmarsch steigt das Risiko bewaffneter Zwischenfälle. Sie könnten einen Krieg lostreten, den bisher keiner der Beteiligten will. Warum ist die Straße von Hormus für sie so wichtig? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Welche Bedeutung hat die Straße von Hormus?

Die Meerenge ist das bekannteste Nadelöhr des weltweiten Ölhandels; 90 Prozent der Energieexporte der Golfregion werden durch sie transportiert. Das sind täglich 21 Millionen Barrel Rohöl, Benzin und andere Ölprodukte, umgerechnet 21 Prozent des Weltverbrauchs. Hinzu kommen 4,1 Billionen Kubikmeter Flüssiggas, etwa ein Viertel der globalen Produktion. 35 Supertanker passieren Tag für Tag die Meerenge, ebenso wie Hunderte normaler Handelsschiffe. Sie versorgen die Häfen des Iran, des Irak, Saudi-Arabiens, Kuwaits, der Emirate, Katars und Bahrains mit Waren. Entsprechend fragil und komplex sind die Machtverhältnisse entlang der wertvollsten Seepassage des Globus. Kein einziger Anrainer am Persischen Golf kann die Sicherheit des Öltransports allein garantieren – aber jeder kann den Schiffsverkehr stören. Geschieht das, werden alle in Mitleidenschaft gezogen.

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Wie stark ist die iranische Marine im Persischen Golf?

Die iranische Marine ist relativ klein. Sie verfügt über vier Zerstörer, drei russische U-Boote und 18 chinesische Patrouillenschiffe. Hinzu kommen etwa hundert Schnellboote, die unter dem Kommando der Revolutionären Garden stehen. Sie bilden das militärische Rückgrat für Irans Politik der Nadelstiche auf See.

Das Land beansprucht Einfluss in der Region: "Im Laufe der Geschichte war der Iran immer der Hauptgarant von Sicherheit und freier Schifffahrt im Persischen Golf – und das wird auch in Zukunft so bleiben", sagte Präsident Hassan Ruhani nach einem Treffen mit dem irakischen Premierminister Adel Abdel Mahdi. Und Außenminister Mohammed Dschawad Sarif twitterte an den künftigen britischen Premierminister Boris Johnson: "Wir haben 1.500 Meilen Küste am Persischen Golf. Das sind unsere Gewässer, und wir werden sie schützen."

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Was wollen die USA und Europa für ihre Tanker tun?

Als die Stena Impero gekapert wurde, war ein amerikanischer Zerstörer zwar in der Nähe, griff aber nicht ein. Für den US-Präsidenten Donald Trump scheint der Schutz der Öltanker in der Region keine zentrale Rolle zu spielen, denn die USA beziehen nur noch sieben Prozent ihres Rohöls vom Persischen Golf. Drei Viertel der Transporte durch die Meerenge von Hormus gehen nach China, Indien, Japan, Südkorea und Singapur. "China bekommt 91 Prozent seines Öls durch die Straße, Japan 62 Prozent und viele andere Länder auch", twitterte Trump. "Warum also schützen wir seit vielen Jahren diese Seewege für andere Länder ohne jede Gegenleistung?"

Trump geht es bei seiner Politik des "maximalen Drucks" auf den Iran in erster Linie darum, Teherans Macht zu begrenzen. Er wirft dem Regime vor, eine Atombombe bauen zu wollen, Israel mit Raketen zu bedrohen, Terrorgruppen zu finanzieren und die Hegemonie gegenüber seinen arabischen Nachbarn anzustreben.

Dennoch kündigte der Oberkommandierende der US-Streitkräfte, Joseph Dunford, an, man wolle zum Schutz der Wasserwege am Golf eine internationale Koalition schmieden. Nach den Vorstellungen des Pentagon sollen Schiffe dort künftig von der Marine des Landes begleitet werden, unter dessen Flagge sie unterwegs sind. Ob sich Deutschland daran beteiligt, ist offen. "Wir wollen keine weitere Eskalation", sagt Außenminister Heiko Maas. Die Briten dagegen machen mit, auch wenn sich London keine Illusionen macht: "Es ist unmöglich, jedes einzelne Schiff zu eskortieren", sagt der stellvertretende Verteidigungsminister Tobias Ellwood. Bisher operiert die Fregatte Montrose mit vier Begleitschiffen vor Ort. Sie war am Freitag jedoch zu weit entfernt, um die Kaperung der Stena Impero zu verhindern. Nun will London zusätzlich einen Zerstörer und ein Versorgungsschiff in die Region verlegen, das die Montrose auf hoher See betanken kann.

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Wie verhalten sich die arabischen Anrainerstaaten?

Die arabischen Golfstaaten möchten den Iran bekämpfen, fürchten aber eine kriegerische Eskalation, durch die ihre wertvollen Ölanlagen in Flammen aufgehen könnten. Die Staatseinnahmen der Monarchien und Emirate hängen zu 80 Prozent von den Ölexporten ab. Jede Blockade würde den üppigen Geldfluss sofort stoppen. Die Vereinigten Arabischen Emirate gingen bereits vorsichtig auf Distanz zu den Drohgebärden der Trump-Regierung. Saudi-Arabien dagegen nannte Irans Kaperung des britischen Tankers "völlig unakzeptabel" und forderte die internationale Gemeinschaft auf, diesem Verhalten einen Riegel vorzuschieben. Oman, das traditionell gute Beziehungen zu Teheran unterhält, appellierte an die Islamische Republik, das beschlagnahmte Schiff freizugeben und den Konflikt mit London diplomatisch zu lösen.

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Gibt es Bewegung im politischen Konflikt um den Atomvertrag?

"Die Chancen für Verhandlungen werden immer geringer", erklärte Donald Trump, der die Krise im Mai 2018 durch seinen Ausstieg aus dem Atomvertrag erst lostrat, am Montag. Erneut drohte er dem Iran mit Krieg und nannte ihn den "Topterrorstaat der Welt". Dennoch hat Trump dem Vorschlag zugestimmt, den republikanischen Senator Rand Paul Gesprächsmöglichkeiten mit Teheran ausloten zu lassen. Vergangene Woche traf sich Paul erstmals mit dem iranischen Außenminister Sarif in New York. Auch Sarif, der nach Venezuela und Nicaragua weiterflog, sandte neue Signale der Deeskalation. Sein Land suche keine Konfrontation mit Großbritannien, erklärte er. Gleichzeitig schickte Präsident Ruhani einen Emissär nach Paris, um dem französischen Staatschef Emmanuel Macron eine persönliche Botschaft zu überbringen.

Hinweise darauf, wie es weitergeht, könnte der kommende Sonntag bringen. Dann will der Iran in Wien an einer Sondersitzung der fünf verbliebenen Atomvertragsstaaten teilnehmen. Großbritannien, Frankreich und Deutschland fordern dieses Treffen, um "die neue Lage" zu diskutieren. Seit einigen Wochen verletzt Teheran in dosierten Schritten die Uran-Grenzwerte des Atomabkommens, um die Europäer zu drängen, sich den amerikanischen Sanktionen entschiedener als bisher zu widersetzen. Der iranischen Seite kommt es vor allem darauf an, dass das europäische Finanzvehikel Instex nicht nur zum Import von Lebensmitteln und Medikamenten, sondern auch zum Export von Rohöl genutzt werden kann.

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