Hongkong - Polizei geht gegen regierungskritische Demonstrierende vor In Hongkong sind trotz Verbot wieder Tausende Menschen gegen die Regierung auf die Straße gegangen. Die Polizei schritt mit Tränengas ein. © Foto: Anthony Wallace/Getty

Trotz eines Demonstrationsverbots der Polizei haben sich in Hongkong zahlreiche Menschen zu Protestaktionen versammelt. Tausende Demonstrantinnen und Demonstranten zogen durch die Straßen des Stadtteils Yuen Long, um gegen den Angriff von maskierten Schlägertrupps auf regierungskritische Demonstranten vom vergangenen Wochenende zu protestieren. Die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort und ging mit Tränengas gegen die Demonstranten vor. Fernsehbilder zeigten den wiederholten Einsatz von Tränengas am Bahnhof von Yuen Long im Nordwesten der chinesischen Sonderverwaltungszone. Einige Demonstranten warfen Gegenstände auf die Polizisten und beschädigten einen Polizeiwagen.

Die Polizei hatte die Kundgebung zuvor verboten. Sie hatte dies damit begründet, dass ein hohes Sicherheitsrisiko bestehe. Auch mit möglichen Vergeltungsangriffen auf Bewohner von Yuen Long sei zu rechnen. Die Demonstranten protestierten gleichwohl in Schwarz gekleidet und mit Regenschirmen, dem Symbol der Demokratiebewegung. In Onlinenetzwerken war zuvor dazu aufgerufen worden, trotz des Verbots auf die Straße zu gehen.

Anders als bei früheren Protestkundgebungen hatten nur wenige Teilnehmer Schilder oder Transparente dabei. "Wir haben uns alle selbst eingeladen", sagte eine 25-jährige Teilnehmerin. "Ich bin als Einzelperson hier, um den Leuten meine Meinung zu sagen." Eine andere Demonstrantin sagte, sie wolle mit ihrer Teilnahme zeigen, "dass wir keine Angst haben und dass die Hongkonger sich nicht einschüchtern lassen".

Die meisten Geschäfte und Restaurants in der Gegend waren bereits seit dem Vormittag vor der Ankunft der Demonstranten, geschlossen und verbarrikadiert. Stunden vor der Protestaktion hatten Polizisten einen Mann festgenommen, der einen anderen Mann in Yuen Long mit einem Messer verletzt haben soll, wie die Hongkonger Zeitung South China Morning Post berichtete.

Am vergangenen Wochenende hatten weiß gekleidete unbekannte Angreifer nach einer Demonstration von Demokratiebefürwortern an einer Stadtbahnhaltestelle von Yuen Long Demonstranten mit Knüppeln und Metallstangen angegriffen. Dabei wurden 45 Menschen zum Teil schwer verletzt. Die Demonstranten machen bezahlte Banden der chinesischen Mafia, der sogenannten Triaden, für die Angriffe verantwortlich. Sie werfen der Polizei vor, sie nicht ausreichend geschützt zu haben.

Kundgebung nahe chinesischer Vertretung geplant

Am Freitag hatten sich bereits Hunderte Demonstranten zu einer Protestaktion am Hongkonger Flughafen versammelt, um insbesondere Besucher vom chinesischen Festland über die regierungskritischen Proteste in der Sonderverwaltungszone zu informieren. Eine weitere Kundgebung ist für Sonntag geplant. Sie soll in der Nähe der chinesischen Vertretung enden. Diese war bei jüngsten Protesten mit Eiern beworfen und mit Graffitis besprüht worden. Die chinesische Führung hatte den Vorfall kritisiert.

In Hongkong gehen seit Wochen Hunderttausende Menschen gegen die Regierung auf die Straße. Auslöser für die Demonstrationen war zunächst ein geplantes Auslieferungsgesetz der Hongkonger Regierung, durch das Bewohner von Hongkong auf dem chinesischen Festland vor Gericht hätten gestellt werden können. 

Zwar hat die Regierungschefin Carrie Lam das Gesetz mittlerweile ausgesetzt, allerdings ist sie bisher nicht auf die Forderung der Demonstranten eingegangen, den Gesetzentwurf formell zurückzuziehen. Zudem fordern die Demonstranten den Rücktritt Lams, demokratische Reformen und ein allgemeines Stimmrecht. Mittlerweile richten sich die Proteste außerdem gegen die Polizei, die bei den Demonstrationen gegen das Auslieferungsgesetz zum Teil mit Gummigeschossen, Knüppeln und Tränengas gegen die Demonstranten vorgegangen war.

Die frühere britische Kronkolonie wird seit der Rückgabe 1997 an China nach dem Grundsatz "ein Land, zwei Systeme" als eigenes Territorium autonom regiert. Anders als die Menschen in der Volksrepublik genießen die Hongkonger nach dem Grundgesetz für die chinesische Sonderverwaltungsregion das Recht auf freie Meinungsäußerung sowie Presse- und Versammlungsfreiheit. Viele der sieben Millionen Hongkonger befürchten allerdings, dass die chinesische Regierung ihren Einfluss auf die Sonderverwaltungszone ausweiten will und damit ihre Freiheiten beschnitten werden könnten.