Kosovos Ministerpräsident Ramush Haradinaj hat seinen Rücktritt bekannt gegeben. Wie er im Anschluss an eine Regierungssitzung in der Hauptstadt Prishtinë bekannt gab, sei er vom Kosovo-Strafgericht in Den Haag vorgeladen worden. Er habe vor der Wahl gestanden, dort als Regierungschef oder als "normaler Bürger des Kosovos" zu erscheinen und habe sich für Letzteres entschieden. Bis zur Ernennung eines Nachfolgers bleibe er geschäftsführend im Amt. Er habe sein Kabinett über seine Entscheidung unterrichtet, sagte er, und appellierte an den Staatspräsidenten, eine vorgezogene Parlamentswahl anzusetzen. Haradinaj war seit September 2017 Ministerpräsident des seit 2008 unabhängigen Kosovos.

Das internationale Kosovo-Sondergericht war 2015 eingerichtet worden und soll mutmaßliche Verbrechen der kosovarischen Befreiungsarmee UÇK im bewaffneten Konflikt mit Serbien in den Jahren 1998 bis 2000 aufklären. Haradinaj war in dieser Zeit ein regionaler UÇK-Kommandeur. Im Januar dieses Jahres hatte das Gericht mit Befragungen in Den Haag begonnen. Damals mussten die beiden früheren UÇK-Vertreter Rrustem Mustafa-Remi und Sami Lushtaku erscheinen. Kosovarische Medien berichten, dass womöglich noch im Jahresverlauf erste Anklagen erhoben werden. Es gibt Spekulationen, dass Haradinaj sowie Präsident Hashim Thaçi und Parlamentspräsident Kadri Veseli angeklagt werden könnten.

Es ist unklar, ob Haradinaj Zeuge oder Beschuldigter ist

Haradinaj gründete nach seiner Zeit als UÇK-Kommandant im Jahr 2000 die Partei Allianz für die Zukunft des Kosovos (AKK). 2004 wurde er zum ersten Mal Ministerpräsident des unter UN-Verwaltung stehenden Kosovos. Er trat allerdings schon 2005 nach seiner Anklage vor dem Internationalen Jugoslawien-Tribunal (ICTY) in Den Haag zurück. Haradinaj wurde dort zwei Mal – 2005 und 2011 – wegen Kriegsverbrechen angeklagt. In beiden Fällen war er freigesprochen worden. Auffallend war damals, dass vor dem Verfahren etliche wichtige Zeugen auf zum Teil nie ganz geklärte Weise ums Leben gekommen waren. Westliche Geheimdienste brachten Haradinaj auch mit Mafia-Aktivitäten in Zusammenhang, die er bestreitet und ihm bisher auch nicht nachgewiesen werden konnten.

Sein jetziger Rücktritt bedeutet, dass Präsident Thaçi innerhalb von 45 Tagen einen Nachfolger ernennen oder Neuwahlen ausschreiben muss. Zunächst war nicht klar, ob das Haager Kosovo-Gericht Haradinaj als Zeugen oder als Beschuldigten vorgeladen hat. Im albanischen Teil der Pressekonferenz sagte er: "Ich bin nicht angeklagt, ich werde nur befragt." Als er auf Serbisch zu den Journalisten sprach, bezeichnete er sich selbst allerdings als "Beschuldigten".

Das Kosovo ist heute fast ausschließlich von Albanerinnen und Albanern bewohnt. Als die serbischen Kräfte 1998/99 Kriegsverbrechen gegen albanische Zivilisten begingen, schritt die Nato mit Luftangriffen ein. Im Juni 1999 zog sich der serbische Staat aus dem Kosovo zurück und die UN-Verwaltung Unmik übernahm bis 2008 die Verwaltung der abgetrennten Albaner-Provinz Kosovo. Die 2008 erklärte Unabhängigkeit des Kosovos haben inzwischen mehr als 100 Länder anerkannt, darunter Deutschland und die meisten EU-Länder. Nicht anerkannt haben sie unter anderen Serbien, Russland und China. Serbien Regierung betrachtet seine ehemalige Provinz weiter als Teil seines Staatsgebietes.