Auf dem Taras-Schewtschenko-Boulevard mit seinen prächtigen Fassaden und der hübschen Parkanlage ist eine große Bühne aufgebaut. Hier in Ternopil, einer knapp 220.000-Einwohner-Stadt in Ostgalizien in der Ukraine, wo junge Paare mit ihren Kinderwagen über das Kopfsteinpflaster rattern und Männer Bier aus der Dose schlürfen. Als die Dämmerung hereinbricht, tritt der Rocksänger Swjatoslaw Wakartschuk auf die Bühne und ruft "Guten Abend, Ternopil!" ins Mikrofon. Nicht nur, um als Frontman der bekannten Rockband Okean Elzy ein Gratiskonzert anzustimmen, sondern vor allem, um seine politische Partei vorzustellen: Holos heißt sie, übersetzt die Stimme.

Es ist die Zeit der Entertainer in der ukrainischen Politik. Fünf Jahre nach dem Maidan, dessen viele Versprechen nicht eingelöst werden konnten, ist die Sehnsucht nach neuen Menschen groß. Nachdem der Komiker Wolodymyr Selenskyj zuletzt die Präsidentschaftswahlen gegen Amtsinhaber Petro Poroschenko gewonnen hat, ist jetzt auch der Rocksänger Wakartschuk in die Politik eingestiegen: Bei den vorgezogenen Parlamentswahlen am 21. Juli tritt der 44-Jährige mit seiner neuen Partei an. Dieser Tage unternimmt er eine "Tour der Veränderung" durch die  Ukraine – eine Mischung aus Wahlkampfreden und Freiluftkonzerten. An diesem schwülen Sonntagabend tänzelt Wakartschuk in weißem offenem Baumwollhemd und mit Sneakers über die Bühne und schleudert Sätze wie diese ins Publikum: "Wir müssen die Türen der Werchowna Rada endlich für die Menschen aufstoßen, nicht für die Oligarchen!"

Ternopil

Schon seit Jahren waren dem schlaksigen Musiker mit der rauen Stimme politische Ambitionen nachgesagt worden. 2004 hatte er bereits die Orangene Revolution unterstützt und anschließend sogar für ein Jahr als unabhängiger Abgeordneter im Parlament, der Werchowna Rada, gesessen. Der Refrain des Songs Ich werde nicht kampflos aufgeben, eines von Wakartschuks bekanntesten Liebesliedern, wurde bei auf dem Maidan 2013/14 zu einer Parole der Protestierenden.

Vor einem Jahr lag der studierte Physiker, den seine Fans Slawa nennen, in Umfragen noch gleichauf mit dem Komiker Selenskyj. Doch Wakartschuk zögerte, für das Präsidentenamt zu kandidieren, und ließ es am Ende bleiben – während Selenskyj mit 73 Prozent zum sechsten Präsidenten der Ukraine gewählt wurde. Manche dachten, Wakartschuk habe sein Momentum nun verpasst, doch jetzt will er es doch noch wissen. Vor wenigen Wochen stellte er seine Partei Holos vor, in Umfragen liegt sie derzeit bei immerhin rund acht Prozent und hat damit die Partei des Ex-Präsidenten Petro Poroschenko überholt.

An den Oligarchen vorbei

Erst ein Komiker, jetzt ein Rockstar? In der Ukraine könnten eben nur landesweit bekannte Stars ihre Message unter das Volk bringen, sagt Pawlo Kuchta, der als Programmdirektor die Wahlziele von Holos maßgeblich formuliert hat. Kuchta trifft man im Hauptquartier von Holos in einem schicken Großraumbüro mit großer Terrasse und Blick auf die Kiewer Innenstadt. Die Message, sagt er, müsse am oligarchischen System vorbei, das nicht nur Wirtschaft und die Politik kontrolliert, sondern auch die Medien.

Wofür steht die Partei? Proeuropäisch will sie sein, pro Privatisierungen, pro unabhängige Institutionen, pro digitale Wirtschaft und für eine Fortsetzung des umstrittenen Programms mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF), das dem Land Milliardenkredite gegen Reformauflagen, aber auch einen rigiden Sparkurs brachte. "Der IWF ist wie ein Antibiotikum", hatte Wakartschuk Reuters gesagt. "Du magst es nicht und willst eigentlich so schnell wie möglich damit aufhören, aber wenn du eine Infektion hast, musst du es nun mal nehmen, sonst wird es nur noch schlimmer."