"Taiwan muss sicher sein – und reich werden!": Han Kuo-yus Unterstützerinnen und Unterstützer jubeln bei diesem Satz. In der Hauptstadt Taipeh sind Tausende zu einer Wahlveranstaltung des oppositionellen Präsidentschaftskandidaten gekommen. "Reich werden" ist der populistische Slogan, mit dem Han von der Kuomintang-Partei (KMT) erst vor wenigen Monaten zum Bürgermeister der südtaiwanesischen Stadt Kaohsiung gewählt wurde. Jetzt ist er damit auf nationaler Ebene auf Stimmenfang.

Doch wie er seinen Slogan umsetzen will, ist sehr umstritten in Taiwan. Denn das Geld für den Reichtum soll aus China kommen, genauer gesagt aus vertieften Handelsbeziehungen. Seine Konkurrentin dagegen, die amtierende Präsidentin Tsai Ing-wen, will genau das Gegenteil: Sie versucht mit aller Macht, Taiwans Wirtschaft von der Volksrepublik wegzubewegen.

Offiziell beansprucht die chinesische Regierung in Peking den Inselstaat Taiwan für sich, doch praktisch ist Taiwan seit 1949 ein unabhängiger Staat – und mittlerweile eine der demokratischen Erfolgsgeschichten in Asien. Parallel zum Demokratisierungsprozess hat Taiwan in den vergangenen Jahrzehnten aber auch enge Wirtschafts- und Handelsbeziehungen mit der Volksrepublik aufgebaut, sodass mittlerweile ein Viertel der taiwanesischen Exporte nach China geht. Angesichts der in China autoritär regierenden Kommunistischen Partei (KP) fragen sich Taiwanesinnen und Taiwanesen nun zunehmend, ob diese Abhängigkeit eine Gefahr für ihre Demokratie ist.

Taiwanesisch – nicht chinesisch

Um zu verstehen, warum Taiwans Beziehungen zur Volksrepublik so kompliziert sind, muss man die Geschichte der beiden Länder kennen: Als 1949 Chinas damalige Regierung unter der KMT-Partei den Bürgerkrieg gegen Maos Kommunisten verloren hatte, flüchteten viele KMT-Anhänger samt Armee unter ihrem Anführer Chiang Kai-shek nach Taiwan und bauten dort eine nach Westen ausgerichtete Diktatur auf. Bis 1971 war Taiwan als Republik China UN-Mitglied und galt als international rechtmäßiger Vertreter Chinas. Seit 1972 aber hat die Regierung in Peking den UN-Sitz inne. Seither fordert China, dass kein Land diplomatische Beziehungen mit der Inselrepublik unterhalten darf, wenn es ein normales Verhältnis mit der Volksrepublik haben will. 1979 brachen die USA ihre diplomatischen Beziehungen mit Taiwan zugunsten jener zu China ab, was das Gros der Völkergemeinschaft dann auch tat.  

Taiwan verliert daher seit den Siebzigerjahren kontinuierlich politische Verbündete, inzwischen wird es nur noch von ein paar kleinen Staaten wie Guatemala als das eigentliche China anerkannt. Nur: Den meisten Inselbewohnern ist die Frage, wer China repräsentieren darf, mittlerweile egal. In den 70 Jahren seit dem Ende des chinesischen Bürgerkriegs haben sie eine eigene Identität entwickelt, die mit der ursprünglichen Herkunft vieler taiwanesischer Familien vom chinesischen Festland nur noch wenig zu tun hat.

Im Juni bezeichneten sich einer Umfrage der National Chengchi University zufolge 57 Prozent der Inselbewohner als ausschließlich taiwanesisch, 37 Prozent als sowohl taiwanesisch als auch chinesisch und weniger als vier Prozent nur als chinesisch. Die letzten beiden Zahlen sinken Jahr um Jahr – vermutlich vor allem, weil ältere Leute mit persönlichen Beziehungen zum Festland sterben. Gerade junge Taiwanesinnen und Taiwanesen unter 25, die keine persönliche Erinnerung mehr an die einstige Diktatur unter der KMT haben, kennen ihre Heimat nur als demokratisches Land mit einer lebendigen Zivilgesellschaft. Der Unterschied zur Volksrepublik China könnte größer kaum sein. 

Doch während sich die Gesellschaft Taiwans in ihrer Identität immer weiter von China entfernt, haben sich die Volkswirtschaften stark angenähert und über die Jahre lukrative Handelsbeziehungen entwickelt. Diese sind besonders wichtig für Taiwan: Die Wirtschaft des Inselstaates ist exportgetrieben. 2018 gingen allein 30 Prozent aller taiwanesischen Exporte nach China, mit 12 Prozent folgen weit dahinter die USA auf Platz zwei.