Ob Tucker Carlson wirklich empört ist, lässt sich auf dem Fernsehbildschirm oft nicht genau herausfinden. Denn aufgebracht ist der TV-Moderator eigentlich fast immer. Etwa über die vermeintlich mangelnde Vaterlandsliebe der Linken, über illegale Einwanderer oder über Afroamerikaner, die gegen Polizeigewalt demonstrieren. Der Starmoderator vom konservativen Nachrichtensender Fox News präsentiert sich in seiner allabendlichen Talk-Sendung gerne als Stimme des einfachen patriotischen US-Bürgers.

Vergangene Woche war der 50-Jährige besonders impulsiv. Als er um 20 Uhr auf Sendung ging,  setzte er ohne große Umschweife zu einer Tirade gegen die Kongressabgeordnete Ilhan Omar an. Die 37-Jährige war als Kind aus Somalia geflohen, als Politikerin kritisiert sie regelmäßig die Diskriminierung von Minderheiten in den USA. "Manche Menschen, die in unser Land einwandern, mögen unser Land nicht – sie hassen es sogar", rief Carlson in die Kamera. Omar habe allen Grund, den USA dankbar zu sein, "stattdessen beschimpft sie jeden als Rassisten, der ihr in die Quere kommt". Carlsons Monolog dauerte sieben Minuten.

Drei Tage später startete schließlich Donald Trump eine ähnliche Attacke gegen Omar. Ohne die Abgeordnete aus Minnesota namentlich zu nennen, fragte der US-Präsident auf Twitter, warum die vermeintlich progressiven Kongressmitglieder nicht "zurückgehen und helfen, die total kaputten und von Verbrechen befallenen Orte in Ordnung zu bringen, aus denen sie gekommen sind?". Trumps Tweets entfachten eine Rassismus-Debatte, die noch die nächsten Tage die Schlagzeilen dominierte. Den Anfang hatte aber Tucker Carlson gemacht.

Und es war nicht das erste Mal, dass der Fernsehmoderator mit seinen allabendlichen Ansprachen die politische Agenda setzt, an der insbesondere Trump sich orientiert. Kurz nach dem Ende Juni gestarteten und dann von Trump abgesagten US-Angriff auf den Iran stellte die New York Times fest, dass Trump mehr auf Carlson hören würde als auf seine eigenen Berater und Diplomaten, die einen Angriff befürworteten. Dieser hatte in seiner Sendung gegen eine Eskalation des Konflikts plädiert und laut Informationen der Times Trump in den Tagen vor dem geplanten Angriff gesagt, dass es verrückt sei, auf Teherans Provokationen mit Gewalt zu reagieren. Wenn der US-Präsident in einen Krieg mit dem Iran geriete, könne er seine Chancen auf eine Wiederwahl begraben. Der Rest ist bekannt: Trump blies den Angriff ab und begründete seinen Rückzieher öffentlich mit möglichen Opfern im Iran.

Tucker Carlson ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere. 2,8 Millionen Zuschauer schalten im Durchschnitt täglich ein, wenn er auf Sendung ist. Damit hat er die zweitmeisten täglichen Zuschauer unter den politischen TV-Talkern, hinter Sean Hannity, dessen Show auch auf Fox News läuft. Die eher liberale Hauptmoderatorin von MSNBC, Rachel Maddow, kommt dagegen auf etwa 2,5 Millionen Zuschauer.

Glatt gekämmter Seitenscheitel zur Primetime

Aufgewachsen als Sohn eines TV-Moderators, wurde Carlson der Weg ins Mediengeschäft praktisch in die Wiege gelegt. Früh profilierte er sich bereits als talentierter Schreiber, für seine stilistisch ausgefeilten Reportagen genoss er Anerkennung. Unter anderem wurden seine Texte im Esquire-Magazin und im Weekly Standard veröffentlicht. Anfang der Nullerjahre wechselte Carlson dann ins Fernsehen. In der CNN-Diskussionsendung Crossfire spielte er den konservativen Part des Moderatorenduos, das dem Namen der Sendung entsprechend die Gäste jeweils aus liberaler und konservativer Perspektive ins "Kreuzfeuer" nahm. Auch optisch entsprach Carlson damals wie heute dem Klischee eines konservativen Musterschülers. Stets tritt er mit glatt gekämmtem Seitenscheitel auf. Zudem trug er jahrelang bei seinen TV-Auftritten eine Fliege statt einer Krawatte. Durch sein rundliches und fast kindliches Gesicht wirkt er optisch jünger, als er ist.

Carlson erlitt aber einen Karriereknick, als die Sendung Crossfire nach einem Schlagabtausch um die Qualität der Sendung eingestellt wurde. Für ihn folgte ein kurzes Intermezzo beim Nachrichtensender MSNBC, bis er 2009 schließlich als Gastmoderator und -kommentator bei Fox News auftauchte. Kein anderer Sender, der die konservativen USA repräsentiert, ist so reichweitenstark.