Angesetzt waren für das Treffen 45 Minuten, aber am Ende saßen sie deutlich länger als eine Stunde zusammen: die Vorsitzenden der Grünen im Europaparlament und Ursula von der Leyen, die Kandidatin für das Amt der EU-Kommissionspräsidentin. Und weil ebenjene Grünen in den vergangenen Tagen so lauthals und ehrlich empört waren über ebenjene Kandidatin, ist diese kleine Überziehung vom Montagabend vielleicht schon als Zeichen einer Verbesserung zu deuten – oder zumindest einer Normalisierung. "Wir hatten ein sehr nettes Treffen", sagte die Fraktionschefin Ska Keller danach, und dass Von der Leyen als Nächstes in die Fraktion kommen werde, "um dann über konkrete Fragen zu sprechen". Die Kandidatin selbst war da schon durch die Hintertür verschwunden. 

Das ist der Stand in Brüssel, eine Woche nach der überraschenden Nominierung der deutschen Verteidigungsministerin für den wichtigsten europäischen Posten, und eine Woche bevor das Europaparlament über sie abstimmen soll: Ursula von der Leyen tourt durch die Büros und Besprechungsräume, durch die sprichwörtlichen Hinterzimmer also. Öffentlich tritt sie nicht auf, mit der Presse redet sie ebenfalls nicht. Sie will sich jetzt ganz den Abgeordneten widmen, auf deren Stimmen sie so sehr angewiesen ist. 

Diese Abgeordneten wiederum versuchen, sich in ihrer neuen Rolle zurechtzufinden. Gerade bei Von der Leyens Kritikern ist das offensichtlich. Aus einem entrüsteten Nein ist innerhalb weniger Tage ein "Nein, aber" geworden. Die erste Wut über den Affront des EU-Rats ist abgeklungen – die Staats- und Regierungschefs hatten Von der Leyen nominiert, obwohl sie zur Europawahl gar keine Spitzenkandidatin, ja nicht einmal im Gespräch gewesen war.

Vielen Abgeordneten wird nun klar, dass sie mit ihrer kategorischen Ablehnung eher sich selbst aus dem Spiel nehmen statt Von der Leyen. Denn warum sollte die Kandidatin ihnen noch Zugeständnisse machen, wenn sie ihre Stimme sowieso nicht bekommt? "Wir sehen keinen guten Grund, sie zu wählen, und das hat sich heute nicht geändert", lautet die Position der Grünen. Das heißt aber auch: Es könnte sich theoretisch noch ändern. 

376 Stimmen braucht Von der Leyen, um an die Spitze der EU-Behörde zu kommen. Es gibt interne Rechnungen in Brüssel, die sie bei 385 bis 395 Stimmen sehen, einer knappen Mehrheit also. Es gibt aber auch jene Insider, die warnen, dass alles äußerst ungewiss sei. Offen ist beispielsweise, ob wirklich alle Abgeordneten der osteuropäischen Regierungsparteien für Von der Leyen stimmen. Zwar hatten ihre Regierungschefs die Aufteilung der EU-Spitzenposten mitverhandelt, allerdings noch mit dem Bulgaren Sergej Stanischew als Parlamentspräsidenten. Nun aber erhielt der Italiener David Sassoli dieses Amt. Damit wird keiner der Spitzenposten von einem Osteuropäer oder einer Osteuropäerin besetzt. Ebenso offen ist, ob die sozialdemokratischen Abgeordneten aus Spanien oder Italien aus Solidarität mit ihrem gescheiterten Spitzenkandidaten Frans Timmermans Nein sagen zu Von der Leyen – oder ob sie für sie stimmen. Schließlich hat der sozialdemokratische Premier Pedro Sánchez das Personalpaket mitverhandelt. Und der italienische Sozialdemokrat Sassoli ist Parlamentspräsident geworden. 

In dieser Gemengelage wäre es eine große Entlastung, wenn zumindest einige der 74 Grünen für Von der Leyen stimmen würden. Und die wissen ihre Rolle zu nutzen. 

Sven Giegold zum Beispiel holt gleich mal groß aus. Er will nicht nur mehr grüne Politik, er fordert auch Grundsätzliches: das vor der Europawahl angestrebte Prinzip, dass einer der Spitzenkandidaten Kommissionspräsident wird, müsse im EU-Recht festgeschrieben werden. Er verlangt, transnationale Listen einzuführen, damit Kandidaten künftig europaweit wählbar sind. Dafür allerdings müsste der Rat der Staats- und Regierungschefs das Wahlrecht ändern, und zwar einstimmig. 

Giegold weiß wahrscheinlich selbst, dass das nicht geschehen wird. Weil sich die Staatschefs darauf nicht einlassen würden und weil auch Von der Leyen das nicht beeinflussen könnte. Aber das stört ihn ebenso wenig wie die Aussicht, dass das Parlament in einen schweren Konflikt mit den Regierungschefs geraten könnte. Giegold hält einen solchen Konflikt für notwendig, nicht für EU-gefährdend: "Dieses Gerede von der Verfassungskrise, dieser Panikdiskurs, das sollten wir uns nicht zu eigen machen", sagt er. "Das Parlament hat seine Rechte nie geschenkt bekommen, sondern immer erkämpfen müssen."

Warum nicht im September wählen?

Wo Giegold die Bühne für Maximalforderungen nutzt, verschränkt sein Parteifreund Reinhard Bütikofer eher die Arme. Er sagt: "Reden ist immer gut, aber das bloße Reden und Wägen von Versprechen bringt meines Erachtens keine grüne Stimme für Frau Von der Leyen, wir brauchen Butter bei die Fische." Bütikofer will nichts fordern, er traut der Personalie grundsätzlich nicht: "Die Kandidatin sitzt sichtbar so tief in der Tasche des Rates, dass ich mich frage, was ein Versprechen von ihr praktisch wert wäre." 

Wobei Von der Leyen vielleicht nicht mal die Zeit hätte, konkrete Versprechungen zu machen. Wie sie in den insgesamt knapp zwei Wochen zwischen Nominierung und Abstimmung im Parlament ein Programm entwickeln soll, dass die Abgeordneten ebenso wie die Regierungschefs überzeugt – das ist für viele hier in Brüssel unverständlich. Bütikofer will Von der Leyen und dem Parlament mehr Zeit geben. Er schlägt vor: "Warum nicht erst im September wählen? Das wäre keine Krise, das gab es bei Barroso auch."

Die Sozialdemokraten trifft sie am Mittwoch

Das würde auch dem Parlament die Chance geben, zu alter Souveränität zurückzufinden. Die vier Fraktionen, die hier die europafreundlichen genannt werden, also Konservative, Sozialdemokraten, Liberale und Grüne, hatten schließlich schon weit ausverhandelt, was sie von einem neuen Kommissionspräsidenten erwarten. Bis sie sich dann über die Personalfrage zerstritten und der EU-Rat die Postenaufteilung an sich zog. Mit mehr Zeit, so hoffen einige Grüne, könnte das Parlament doch noch gemeinsame Forderungen aufstellen und so wieder einiger und stärker agieren als zuletzt. Darum nämlich geht es vielen Grünen: Für sie kann es eine demokratischere EU nur mit einem starken Parlament geben. 

So geht es bei der Entscheidung der Abgeordneten für oder gegen Von der Leyen auch um die Frage, wem sie sich verpflichtet fühlen: ihren heimischen Parteien, ihren Themen, oder dem Kampf für Parlamentsrechte. Ursula von der Leyen hat nur noch wenige Tage, um in dieser Konstellation Stimmen für sich zu gewinnen. Am Mittwoch trifft sie die Sozialdemokraten. Und die, zumindest die deutschen, waren in ihrer Ablehnung sogar noch klarer als die Grünen.