In vielen europäischen Ländern wird die Kandidatur Ursula von der Leyens als EU-Kommissionspräsidentin deutlich positiver gesehen als in Deutschland. Allerdings aus ganz unterschiedlichen Gründen: Regierungsnahe Medien in Ungarn und Polen sehen ihre Kandidatur als Sieg für ihre konservative Politik an. In Frankreich loben die Medien eher die vielseitig begabte Frau, die Karriere und Kinder unter einen Hut gebracht hat. Während sich die Spanier von der EU ganz pragmatisch vor allem einen stabilen ökonomischen Rahmen wünschen.

Frankreich: Respekt für die "vielseitig Begabte"

Sprecher und Moderatoren französischer Radiosender machen aus Ursula von der Leyens Familiennamen gerne "van der Leyen". Damit wird ihre Heirat 1986 mit einem Nachfahren einer adligen Krefelder Seidenweberfamilie zur schnöden Herkunftsbezeichnung, wofür das "van" in den Niederlanden üblicherweise verwendet wird.

Böse Absicht ist das nicht. Anders als in Deutschland nötigt die 60-Jährige den Franzosen durchaus Respekt ab. Die hierzulande häufig kritisierte Führung der Bundeswehr und deren schlechte materielle Ausstattung sind selten Thema und werden auch nicht von der Leyen angekreidet. Vielmehr macht enorm Eindruck, dass diese Frau Beruf und Kinderreichtum unter einen Hut brachte. "Eine außergewöhnliche Laufbahn in einem Land, wo es immer noch schwierig ist, Mutterschaft und Karriere zu vereinbaren", vermerkt etwa das Wochenmagazin Le Point.

Wenn also eine Frau von der Leyen unter solch widrigen Umständen nicht für das in Frankreich abschätzig bewertete Hausfrauenmodell optierte und seit Jahren als petit bout (Knirps) mit nur 1,60 Metern Körpergröße eine Armee dirigiert, dann muss sie eine Menge draufhaben. So jedenfalls das Urteil der Nachbarn. "Vielseitig begabt und polyglott ist Ursula, genannt Röschen, ein wahres Schweizer Messer", kommentiert die Wirtschaftszeitung Les Échos. Ihre Laufbahn lasse Alexej Stachanow "wie einen Dilettanten erscheinen". Der sowjetische Bergmann hatte 1935 im Donbass 102 Tonnen Kohle in einer einzigen Schicht gefördert. Das war die 13-fache Menge der damals gültigen Arbeitsnorm. "An die London School of Economics fügt sie sieben Jahre Medizinstudium an und sieben Kinder."

Die Französinnen und Franzosen kennen die Verteidigungsministerin aus den Abendnachrichten, wo sie häufig gemeinsam mit der eigenen, ebenfalls weiblichen Führung des Ministère des Armées auftrat. Zuletzt etwa im Juni bei der Luftfahrtschau in Le Bourget bei Paris. Dort brachte von der Leyen zusammen mit Florence Parly und der spanischen Kollegin Margarita Robles den Entwicklungsvertrag für den Bau eines neuen europäischen Kampfflugzeugs auf den Weg. Fließend Französisch parliert sie auch noch. Was kann man mehr verlangen?

Kritik gibt es zwar auch. Allerdings richtet sich die nicht gegen von der Leyen, sondern gegen die deutsche Bundeskanzlerin. "Der Ersatzreifen von Angela Merkel", titelte das linksgerichtete Wochenmagazin L'Humanité nach der umstrittenen Entscheidung, keinen der Spitzenkandidaten für den EU-Posten zu nominieren. Und auch die Eloge von Les Échos findet noch einen Haken an der Ernennung: Mit dem EU-Kommissar Michel Barnier hätte Frankreich den "europäischsten aller Kandidaten" präsentieren können. "Aber die Hand von Frau Merkel hat nicht gezittert", so spielt die Zeitung auf die jüngsten, in Frankreich sehr interessiert verfolgten Zitterattacken der Kanzlerin an. "Sie wollte den Posten, und sie hat ihn gekriegt."

Karin Finkenzeller, Paris

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Polen: "Sehr sympathisch und partyfreudig"

Ursula von der Leyen ist keine unbekannte Politikerin in Polen. Polnische Medien berichten nicht nur über ihre politischen Überzeugungen, sie interessieren sich auch für ihr Privatleben. Beschrieben wird etwa ihre Studienzeit, als sie Ende der Siebzigerjahre in England die London School of Economics and Political Science besuchte. Damals hatte Jacek Rostowski mit ihr zusammen in einem Haus gewohnt. Er war polnischer Finanzminister in den Jahren 2007 bis 2013 in der Regierung von Donald Tusk.

Rostowski sagte im Gespräch mit dem Nachrichtensender TVN24, er erinnere sich, dass von der Leyen "sehr sympathisch und partyfreudig" gewesen sei. Abends sei sie in Diskotheken gegangen, wo "sie sich austobte". Rostowski behauptete außerdem, von der Leyen sei 1978 nach London gekommen, um Schutz vor der Roten Armee Fraktion zu suchen, die hinter ihrem Vater Ernst Albrecht her war, dem damaligen Ministerpräsidenten von Niedersachsen.

Die politische Debatte um die mögliche neue Präsidentin der EU-Kommission dreht sich inzwischen darum, wie sie sich gegenüber Polen verhalten könnte – wie sie etwa zu dem EU-Strafverfahren gegen die Regierung steht, das wegen der Verletzung der Unabhängigkeit der Justiz eingeleitet wurde.

In den ersten Tagen nach der Nominierung von der Leyens äußerten sich die regierungsnahen Medien äußerst optimistisch, vor allem weil damit die Kandidatur Frans Timmermans vom Tisch war. Er hatte die polnische Regierung heftig kritisiert. In der Nachrichtensendung Wiadomosci im öffentlich-rechtlichen Fernsehkanal TVP1 hieß es etwa, dass von der Leyens Nominierung "die Stärke der Visegrád-Gruppe beweise" und dass Angela Merkel, die Timmermans zum Präsidenten der EU-Kommission nominieren wollte, damit "gedemütigt wurde". Das zeige, dass man mit einem politischen Angriff auf Polen keine Karriere machen könne, sagte in derselben Sendung ein regierungsnaher Publizist der Tageszeitung Gazeta Polska Codziennie.

Selbst die Ansage von der Leyens in der vergangenen Woche, sie wolle sich für die Stärkung des Rechtsstaats in den EU-Mitgliedsstaaten einsetzen, hat am Optimismus der staatlichen Medien wenig geändert. Im öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal TVP Info hieß es, dass es von der Leyen um "alle Mitgliedsstaaten und nicht nur um Polen" gehe.

Die liberalen Medien haben hingegen keine Zweifel, dass von der Leyen zu harten Maßnahmen greifen wird, wenn es um den Abbau des Rechtsstaats in Polen geht. Die linksliberale Wochenzeitung Polityka schreibt, dass die regierende Partei PiS (Recht und Gerechtigkeit) sich nicht zu früh über die mögliche neue EU-Kommissionspräsidentin freuen solle, da sie in vielen Punkten mehr Gemeinsamkeiten mit den sozialdemokratischen Parteien habe als mit der konservativen Haltung der polnischen Regierung. Ähnliches schreibt auch die liberale Wochenzeitung Newsweek Polska: "Die Gleichstellung der Frauen und LGBT-Rechte sind für sie eine Selbstverständlichkeit." Der Rechtsstaat und die liberale Demokratie – die seien ihre Religion.

Michał Kokot, Warschau

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Ungarn: Viktor Orbáns Kandidatin

Ursula von der Leyen sei "unsere Kandidatin", das ist der Tenor in den meisten ungarischen Medien. Ministerpräsident Viktor Orbán höchstpersönlich habe sich mit diesem Vorschlag in einem dramatischen Moment des Gipfeltreffens Anfang des Monats durchsetzen können – und noch einmal sein brillantes Verhandlungsgeschick demonstriert. Damit sei erstens der Schrecken einer Kandidatur Frans Timmermans verhindert und zweitens eine brave, konservative Familienmutter zur Kommissionspräsidentin gemacht worden. Und dies entspreche natürlich den langfristigen Interessen Ungarns und der anderen Visegrád-Staaten.

Diese einseitige Version der Ereignisse in den ungarischen Medien lässt sich damit erklären, dass die rechtspopulistische Regierung in Budapest seit Jahren direkt oder indirekt fast alle etablierten und einen Großteil der elektronischen Medien im Lande kontrolliert. Sie loben eifrig die Errungenschaften des "Systems der nationalen Zusammenarbeit". Tatsächlich wollten Orbán und seine Amtskollegen aus Polen, Tschechien und der Slowakei unbedingt verhindern, dass der sozialdemokratische Spitzenkandidat Timmermans vom EU-Rat nominiert wird. Der Niederländer gilt nämlich als entschlossener Kritiker der osteuropäischen Rechtspopulisten und ist als amtierender Vizepräsident der Kommission häufig gegen den Abbau des Rechtsstaats in Ungarn und Polen vorgegangen.

Timmermans dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach jedoch sein Amt auch in der neuen Kommission behalten, und eine der Kernaufgaben dieses Amtes ist eben der Schutz der Rechtsstaatlichkeit. Andererseits verspricht auch die Tatsache, dass von der Leyen bei den Anhörungen im EU-Parlament wenig Konkretes über den Umgang mit den "illiberalen Demokratien" im Osten zu Protokoll gab, nicht unbedingt viel mehr als einen vagen Pragmatismus vor der Abstimmung.

Die wenigen kritischen Nachrichtenportale, die es noch in Budapest gibt, unterstreichen darüber hinaus einige Positionen von der Leyens, die nicht im Sinne Orbáns sein dürften. So hat sich die deutsche Politikerin – wenn auch nuanciert – für ein föderales Europa ausgesprochen. Sie hat im Bundestag für die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare abgestimmt und sie hat 2015 auch die ungarische Regierung explizit für den unmenschlichen Umgang mit Flüchtlingen kritisiert.

Doch die Analysen und Leitartikel der unabhängigen Portale wie 444.hu werfen auch viele Fragen über die Angemessenheit der Kandidatin auf. Die zahlreichen Skandale, die das deutsche Verteidigungsministerium in den letzten Jahren geplagt haben, bleiben nicht unerwähnt. Und auch die Tatsache, dass letztendlich keiner der Spitzenkandidaten nominiert wurde, wird von den wenigen überzeugten Europäern in Budapest kritisiert.

Silviu Mihai, Budapest

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Italien: Lob der "Supermama im weißen Kittel"

Ginge es nach Italien, dann müsste Ursula von der Leyen sich kaum Sorgen um ihre Bestätigung durch das Europäische Parlament machen. Ausgerechnet in dem Land, in dem die ebenso rechtspopulistische wie fremdenfeindliche und europaskeptische Lega des Innenministers Matteo Salvini bei den Europawahlen mit 34 Prozent der Stimmen triumphierte, in dem ihr Koalitionspartner von den Fünf Sternen weitere 17 Prozent erhielt, darf sich die deutsche Kandidatin über große Zustimmung freuen.

Gewiss berichtet die linksliberale Tageszeitung La Repubblica auch darüber, dass von der Leyen in Berlin einen Skandal nach dem anderen habe durchstehen müssen. Und schreibt, ihre perfekt sitzende Frisur gleiche "immer mehr einem Helm". Allerdings sei sie "die zweitmächtigste Frau Deutschlands", die einzige, die seit 2005 immer Ministerien von Gewicht geleitet habe. Und der liberalkonservative Corriere della Sera erwartet eine Kommissionspräsidentin von der Leyen, die ihr Amt wohl ganz im Stile Merkels ausüben werde, "vorsichtig, kompromissbereit, nie schrill", bloß "bei der Flexibilität" sei "mancher Zweifel erlaubt".

Il Giornale, die Tageszeitung aus dem Hause Berlusconi, freut sich über "die 'Supermama' im weißen Kittel, die ihre Generäle strammstehen lässt". Sogar das Lega-nahe Blatt Libero hat gute Worte für sie: "Sie könnte die Pro-Familien-Wende einer Eurobürokratie verkörpern, die bisher die Finanzeliten privilegierte und darüber die Gesellschaft vergaß." Außerdem sei von der Leyen eine überzeugte Atlantikerin und deshalb "den Visegrád-Staaten, die Russland misstrauen, besonders genehm".

Auch von Italiens Parteien könnte von der Leyen viel Zustimmung erhalten – etwa von der gemäßigt linken Demokratischen Partei (PD), die im Europaparlament in der S&D-Fraktion sitzt. Während die SPD gegen die Kandidatin schießt, trommelt Paolo Gentiloni, in den Jahren 2016 bis 2018 Ministerpräsident, offen für ein Ja zu von der Leyen. Auch sein damaliger Europaminister, Sandro Gozi, macht Werbung für sie. Gewiss, in den Anhörungen im Europaparlament sei sie bisher "zu schüchtern" gewesen, zu vage, sie solle sich dem Votum des Parlament als Frontfrau der Proeuropäer stellen.

Beifall erhielt von der Leyen allerdings auch von den Fünf Sternen. Deren Gruppenvorsitzende im Europaparlament, Tiziana Beghin, sprach nach dem Treffen mit der Kandidatin letzte Woche von einer "sehr positiven Begegnung", von einer "offenen, angenehmen Diskussion". Positiv sei von der Leyens Einsatz für einen europäischen Mindestlohn ebenso wie für eine Reform des Dublin-Regimes, also der Flüchtlingspolitik in der Union.

Nicht besonders begeistert dürfte von der Leyen dagegen von der drohenden Unterstützung durch die Lega sein. Lorenzo Fontana, Europaminister in der italienischen Regierung, wollte jedenfalls ein Ja seiner Partei nicht ausschließen. Auch er nannte vornweg die geplante Reform der Dublin-Abkommen als Positivpunkt für die Kandidatin.

Die aber kann an einer Zustimmung der Le-Pen- und AfD-Freunde keinerlei Interesse haben. Die Turiner Tageszeitung La Stampa berichtete am Sonntag, von der Leyen wolle eine proeuropäische Mehrheit im Europaparlament; deshalb habe sie ein für Montag vorgesehenes Gespräch mit Lega-Vertretern abgesagt.

Michael Braun, Rom

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Spanien: Hauptsache, die Wirtschaft ist stabil

Dafür, dass Spanien als eines der europafreundlichsten Länder der EU gilt, fällt die Debatte um die Kandidatur von Ursula von der Leyen ziemlich mau aus. Wer etwas über die konservative Überraschungskandidatin erfahren wollte, musste dieser Tage zu den hinteren Seiten der Zeitungen weiterblättern beziehungsweise auf den Nachrichtenportalen bis ganz nach unten scrollen.

Anfang der kommenden Woche soll Pedro Sánchez im spanischen Parlament zum Premier gewählt werden. Der Sozialdemokrat hat Koalitionsvereinbarungen bisher eine Absage erteilt und noch keine Mehrheit. Scheitert er, drohen Spanien Neuwahlen – es wären die vierten in vier Jahren. Bei so viel nationalem Drama ist kein Platz für Brüsseler Spitzen. Von den großen Tageszeitungen wurde die Überraschungskandidatur von "Merkels enger Verbündeter" (El País, El Periódico) mit fast schulterzuckender Gleichgültigkeit zur Kenntnis genommen. Lediglich die monarchistisch-konservative ABC erging sich in Lobeshymnen ob ihrer Arbeitsdisziplin und bewunderte ihren "aristokratischen Habitus, der angesichts des außergewöhnlichen Vorpreschens des Vulgären gelegen kommt".

Die Besetzung der Spitzenposten der EU mit deutschen und französischen Namen wird in Spanien als Stärkung Kerneuropas gewertet. In Griechenland und Italien mag das zuweilen für Abwehrreflexe sorgen, im wirtschaftsstärksten südeuropäischen Land gilt es als Beweis der Stabilität. Und ein stabiler ökonomischer Rahmen ist das, was sich die meisten Spanier von der EU erhoffen. Politische Visionen sind zweitrangig. "Die EU-Politik, das sind Verhandlungen zwischen 28 Staaten, bei denen am Ende immer die deutsch-französische Achse gewinnt", kommentiert El Mundo nonchalant in Abwandlung eines Fußball-Bonmots über die immer gewinnenden Deutschen: "Und das Ergebnis ist gar nicht so schlecht."

Dabei bot die Debatte um Ursula von der Leyen genügend dramatischen Stoff, vor allem für Spaniens Sozialdemokraten. Schließlich hat Pedro Sánchez als einer der spanischen Verhandlungsführer den Deal mit eingefädelt. Die 20 EU-Abgeordneten der PSOE, die 2014 noch geschlossen gegen Jean-Claude Juncker stimmten, werden höchstwahrscheinlich der konservativen Kandidatin ihre Stimmen geben. Dabei hatte Iratxe García, frisch gekürte Fraktionsvorsitzende der europäischen Sozialdemokraten und enge Vertraute von Sánchez, die Abkehr von der Idee der Spitzenkandidaten als "zutiefst enttäuschend" bezeichnet und der ungeliebten Kandidatin am Freitag einen sechsseitigen Forderungskatalog übergeben.

Der Preis für das Ja der spanischen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten lautet: Josep Borrell, amtierender spanischer Außenminister, soll Chef der europäischen Diplomatie werden. Der 72-jährige Sozialdemokrat mit dem aufbrausenden Temperament soll mit Marokko die Regulierung der Migration verhandeln – und nebenbei dafür sorgen, dass die unabhängigkeitsbewegten Katalanen keine internationale Unterstützung erhalten. Keine Einmischung in "innerspanische Angelegenheiten" – auch das gehört zum "stabilen Rahmen", den Spanien von der EU erwartet.

Julia Macher, Barcelona

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