Seit Dienstagabend steht es fest: Ursula von der Leyen, die ehemalige Bundesverteidigungsministerin, übernimmt den Posten der EU-Kommissionspräsidentin. Mit ihrer Wahl sollte der Streit zwischen dem Europäischen Rat und dem Parlament der EU vorerst beigelegt sein. Doch nicht alle Konflikte sind mit der Wahl von der Leyens gelöst. Die Reaktionen internationaler Zeitungen im Überblick:

Die belgischen Zeitung De Standaard schrieb über von der Leyens Wahl, ihr sei ein "Schatten der Hinterzimmerpolitik" vorausgegangen. Zwar habe von der Leyen letzten Endes eine Mehrheit der Abgeordneten überzeugen können, doch "von Herzen kam das nicht".

Auch in der italienischen Zeitung Corriere della Sera war zu lesen: "Der Eindruck bleibt, dass die Wahl ein wenig transparentes Manöver hinter verschlossenen Türen war." Allerdings habe gerade dieses veraltete Wahlverfahren zu einem beachtenswerten politischen Ergebnis geführt: Es dürfe nicht unterschätzt werden, dass die Tatsache, als erste Frau an die Spitze der Kommission gewählt worden zu sein, von der Leyen Stärke verleihe. 

Die niederländische Zeitung de Volkskrant wertete das knappe Wahlergebnis als Rückschlag für von der Leyen: "Eine knappe Mehrheit, die möglicherweise mit Hilfe von Euroskeptikern und bald abziehenden britischen Parlamentariern erreicht wurde, schwächt ihre Ausgangsposition." Hätte von der Leyen jedoch keine Mehrheit erreicht, wäre ein "'Krieg der Institutionen' zwischen den Regierungschefs und dem Parlament" zu befürchten gewesen. "Der Druck der Hauptstädte auf die Parlamentarier in den letzten Tagen und die Versprechungen von der Leyens an das Parlament haben diese politische Zeitbombe entschärft."

"Die EU oder die Sintflut"

Eine positive Haltung gegenüber der Wahl von der Leyens wurde in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten vertreten: "Sie ist kompetent, zuverlässig und steht in der deutschen Tradition der Kunst des Kompromisses. Das kann die EU mehr denn je gebrauchen." Denn: Von der Leyens Nominierung und Wahl sei eine "unschöne Vorstellung gewesen". Das Wahlergebnis gebe weniger über ihre Qualifikationen Aufschluss als "über die tiefe Zersplitterung der EU-Länder." Leicht werde es von der Leyen künftig nicht haben: "Auf die neue Präsidentin wartet nun die große Aufgabe, zu sammeln und zu einen und einen Kurs auszugeben, der die Bezeichnung europäisch verdient. Zu beneiden ist sie um diese Aufgabe nicht."

Zu den Erwartungen, die nun an die EU-Kommissionspräsidentin gestellt werden, hieß es in der spanischen Zeitung La Vanguardia: "500 Millionen europäische Bürger erwarten Fortschritte, keine Rückschläge oder Stagnation, weil es außerhalb der Europäischen Union nur noch mächtige Blöcke gibt, die eine europäische Schwächung begrüßen würden. Es ist notwendig, die innere Einheit wiederherzustellen, die geografischen Blockaden zu beseitigen und wieder zu überzeugen: die EU oder die Sintflut."

Skepsis an der Eignung der neuen Kommissionschefin war in der britischen Times zu finden: "Es gibt echte Zweifel, ob sie genügend politischen Charakter und Mut hat, europäische Politik zu gestalten, oder nicht einfach nur eine Marionette des französischen Präsidenten und der deutschen Kanzlerin sein wird, die sie zu dem gemacht haben, was sie ist." 

Über die politische Wendung, die von der Leyens Karriere genommen hat, schrieb die französische Zeitung Le Monde: "Ministerin mit kritisierter Bilanz, umstrittener Redlichkeit und schwankender Popularität – diejenige, die einst als Kandidatin für die Nachfolge von Angela Merkel galt, schien auf einem Schleudersitz zu sitzen. Sie ist heute Präsidentin der Europäischen Kommission und die erste Frau, die dieses Amt innehat".

Als "überzeugte Europäerin" beschrieb die slowakische Tageszeitung Pravda die neue EU-Kommissionspräsidentin: Ihre politische Haltung sei gar nicht so weit entfernt von der Haltung Frans Timmermans', des sozialdemokratischen Spitzenkandidaten – den die Regierungen von Ungarn und Polen abgelehnt hatten: "Doch indem Orbán und Kaczyński den niederländischen Sozialisten ablehnten, haben sie sich nicht sehr geholfen. Denn von der Leyen wird die europäischen Werte ebenso entschlossen durchsetzen wie er und wird wohl kaum nachgeben, wenn es um den Rechtsstaat in beiden Ländern geht."

Die SPD, "eine Partei in totaler Konfusion"

Wenig Lob fand das Verhalten der SPD im Wahlprozess um den Chefposten der Kommission. Die italienische Zeitung La Repubblica schrieb dazu: "Traurig, einsam und final. Das, was für die SPD ein wilder und trotziger Schützengraben sein sollte – die Weigerung, für Ursula von der Leyen zu stimmen – hat sich erneut in einen Abgrund verwandelt, in den sich eine Partei in totaler Konfusion mit dem Kopf voran gestürzt hat. Damit riskiert sie in Berlin eine schwerwiegende Regierungskrise." Damit hätten die 16 Vertreterinnen und Vertreter der SPD die Anzeichen des Sturms ignoriert, "die sich auf den Bänken neben ihnen zusammengebraut hatten."

Auch in der dänischen Jyllands-Posten kam die SPD nicht sonderlich gut weg: "Grotesk war der Unwille der deutschen Sozialdemokraten, für ihre Landsfrau zu stimmen. Es verwundert nicht, dass einem die SPD in diesen Jahren so vorkommt, als wäre sie auf einem selbstzerstörerischen Kurs."