Zudem wirkten sich die Sparrunden der früheren Jahre, in denen zum Beispiel Ersatzteile aus Kostengründen nicht bestellt wurden und dann erst Jahre später geliefert wurden, unverändert bei jedem der jährlichen Berichte verheerend aus – und die Öffentlichkeit nahm erschreckt oder staunend zur Kenntnis, wie viel nicht einsatzbereites Gerät bei der Truppe steht.

Nach mehr als einer Legislaturperiode im Amt war da dann wenig, was von der Leyen nur ihren Vorgängern anlasten konnte. Dass das Umsteuern nicht so funktionierte wie geplant, muss sie zu einem großen Teil auf ihre Kappe nehmen. Dass Entscheidungen von einem kleinen Kreis um die Ministerin getroffen wurden und dabei die, die das dann umsetzen mussten, nicht wirklich eingebunden waren, mag dazu beigetragen haben. Und auch der – rückblickend falsche – Versuch, manche Projekte möglichst schnell durchzuziehen: Die Selbstverständlichkeit, mit der an der Ministeriumsspitze Entscheidungen offenkundig ohne genauere Prüfung der rechtlichen Bedingungen getroffen wurden, bescherte Ministerin und Ministerium die sogenannte Berateraffäre und den parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Vergabe von Aufträgen an externe Spezialisten.

Es wird noch analog gefunkt

Da wirkt die Entscheidung der Ministerin im Fall des Sturmgewehrs G36 wie ein zwar rechtlich einwandfreies, aber symbolisches Beispiel. 20 Jahre nach Einführung dieser Standardwaffe stand ohnehin die Entscheidung über einen möglichen Nachfolger an, und Tests der Wehrtechniker hatten Probleme mit dem Gewehr gezeigt. Doch während sich die Soldaten im Auslandseinsatz über so ziemlich jeden Ausrüstungsgegenstand beklagten, von der Feldbluse bis zu den Stiefeln, meldete fast niemand Probleme mit dieser Waffe. Dennoch verfügte von der Leyen publicitywirksam, das G36 der Oberndorfer Waffenschmiede Heckler & Koch habe "in dieser Konstruktion keine Zukunft in der Bundeswehr". Die Suche nach einem Nachfolger dauert an, und die Truppe benutzt natürlich weiter das G36.

Wesentlicher ist allerdings, dass von der Leyen bislang keine neuen Großprojekte starten konnte, die nicht schon ihre Vorgänger begonnen hatten. Ob das neue Mehrzweckkampfschiff 180, das geplante neue Taktische Luftverteidigungssystem TLVS oder der dringend benötigte neue Schwere Transporthubschrauber: Für diese künftigen milliardenteuren Hauptwaffensysteme gibt es Planungen und Verhandlungen – aber noch keinen Vertrag. Und auch die Umstellung des Heeres auf digitale Funksysteme dümpelt noch in der Anfangsphase. Wann dafür nicht nur die Technik beschafft wird, sondern auch das Geld bereitsteht, ist derzeit nicht wirklich absehbar.

Das in großen Teilen negative Bild der Ministerin im eigenen Land steht allerdings in merkwürdigem Kontrast zu ihrer Wahrnehmung in anderen EU- und Nato-Ländern. Denn von der Leyen hat sich nicht nur immer wieder öffentlich für eine stärkere sicherheitspolitische Rolle Deutschlands eingesetzt, zum Beispiel mit ihren Reden auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Sie hat auch das militärische Engagement ausgeweitet: Dass die Bundeswehr an der Nordostgrenze der Nato ein Bataillon führt, mit dem die litauischen Verbündeten Rückendeckung gegenüber dem gefürchteten Nachbarn Russland bekommen sollen, hat sie ebenso vorangetrieben wie den deutschen UN-Einsatz in Mali – zur Unterstützung vor allem Frankreichs. Ob ihr dieses Engagement auf die Habenseite angerechnet wird oder gerade eben nicht, ist allerdings eine Frage des jeweiligen politischen Standorts.