Demokratie ist zweifellos etwas Kostbares, sie kann aber auch ganz schön komisch sein. Mindestens seltsam. Und manchmal absurd.

Da stehen nun also 100 oder 120 Menschen im Garten der Familie Delfino in Atkinson herum, einem Dorf in New Hampshire, 6.900 Einwohner, und trampeln die roten Blümchen kaputt. Sie schwitzen, da es kaum Schatten und kein Wasser gibt. Sie nehmen ihre staatsbürgerlichen Pflichten ernst, denn in knapp sieben Monaten werden die gesamten Vereinigten Staaten auf sie blicken, und dann müssen sie ja wohl die Kandidaten einschätzen können.

Am 11. Februar 2020 wird in New Hampshire an Amerikas Ostküste gewählt, es werden die ersten offiziellen Vorwahlen sein, ein Trendsetter für alles, was danach geschehen wird, so ist es ja immer. Das etwas ruppige, fleckenweise aber auch romantische New Hampshire ist eigentlich kein wichtiger Bundesstaat der USA – alle vier Jahre jedoch, stets im Februar, wird es zum wichtigsten. 

Und darum kommen sie bereits jetzt allesamt her, sämtliche Kandidaten, ständig und immer wieder. Die Demokratin Kirsten Gillibrand stand vor wenigen Tagen in weißem Kleid und flachen Schuhen im Garten von Terie Norelli, 198 Thaxter Road in Portsmouth, und erklärte Amerikas Demokratie für "vollkommen verdorben". Und nun ist es elf Uhr am Samstag, als Joe Biden auf die Veranda der Familie Delfino in Atkinson tritt.

Immer lächeln, immer verbindlich: Joe Biden in Portsmouth © Brian Snyder/​Reuters

Ein lächelnder älterer Herr. Offenes blaues Hemd, Ärmel hochgekrempelt, kein Sakko. Frei redend, klar, denn wer abliest, hat in den im Fach der Rhetorik noch immer eine Weltmacht darstellenden USA sogleich verloren. Biden sagt, dass die USA ihre Würde verloren hätten in zweieinhalb Jahren unter Donald Trump. Vier Jahre Trump seien auszuhalten, sagt er, ein historischer Wimpernschlag. Acht Jahre aber wären eine Katastrophe, nämlich die Zerstörung der Identität und der Werte.

Biden, 76, redet geschliffen, aber er ist etwas bleich, etwas müde, etwas vergesslich. Er sagt, er habe als Vizepräsident für seinen Chef Barack Obama einst mit drei Ländern verhandelt, doch ihm fallen nur Guatemala und El Salvador ein. Er beginnt flink die nächste Anekdote, kann sich wieder nicht erinnern, sagt "never mind" und erzählt halt wieder etwas anderes. Jetzt bricht er ab, sagt, er wolle die Menschen nicht so lange in der Sonne stehen lassen, nett soll das vermutlich klingen, doch es wirkt wie ganz und gar ohne Leidenschaft. Dabei stehen all die Menschen hier ja zweifellos deshalb in der Sonne, weil sie viel mehr von Joe Biden erfahren wollen.

Nun noch ein paar Selfies, eher flott als liebevoll, und dann weiter.

Ist dies nun also der beste Kandidat?

Der Mann, der in 16 Monaten Trump schlagen kann?

Momentaufnahmen bergen in Wahlkämpfen immer Gefahren, sind leicht zu Thesen zu überhöhen und bleiben doch eben dies: Momentaufnahmen.

Als vor vier Wochen Donald Trump in Orlando die Kampagne für seine Wiederwahl eröffnete, war es geradezu erschütternd, den Mann in der Halle live zu erleben: Trump redete wirr. Wiederholte sich permanent. Endlos palaverte er und wirkte wie ein sowjetischer Staatschef, wie einstmals Breschnew vor der KPdSU, die auch nur bedingt zuhörte.