Der Frieden der Welt ist gegenwärtig vor allem in Asien bedroht. Die Region mag pazifisch heißen, doch macht sie das keineswegs friedvoll. Und die allermeisten der kriegsträchtigen Konflikte sind innerasiatische Auseinandersetzungen. Die Zeiten sind längst vorbei, da westliche Interventionen Kriege verursachten.

Ich lasse die Krisen- und Kriegszonen des Vorderen Orients einmal ganz beiseite – den arabisch-israelischen Konflikt, die iranisch-saudische Feindschaft, Afghanistan. Ostwärts davon ist der ganze Raum von Bombay bis zur Beringstraße von gefährlichen Stresslinien durchzogen. Kaum eine Inselgruppe ist unumstritten – weder die von China annektierten und hochmilitarisierten Paracelsus- und Spratly-Inseln im Südchinesischen Meer; die auch von anderen Anrainern beansprucht werden; noch die japanisch verwaltete Senkaku-Gruppe im Ostchinesischen Meer, auf die China Anspruch erhebt; noch Dokdo/Takeshima zwischen Japan und Korea; auch nicht die 1945 von den Sowjets besetzten japanischen Inseln Etorofu, Kunashiri, Shikotan und Habomai.

Immer wieder haben asiatische Staaten einander mit Krieg überzogen. Der Korea-Krieg (1950–53), ausgelöst durch den nordkoreanischen Angriff auf den Süden, löste eine Weltkrise aus; das Eingreifen der USA und Chinas gipfelte in einem bis heute andauernden Patt. Seit ihrer Unabhängigkeit haben Indien und Pakistan dreimal Krieg geführt: 1947/48, 1965 und 1971; eine Krieg-in-Sicht-Krise konnte 1999 im letzten Moment diplomatisch beigelegt werden. China griff Indien im Oktober 1962 an der Himalaya-Grenze an und fügte den Indern eine schmähliche Niederlage zu; seitdem kam es immer wieder zu Grenzgefechten, zuletzt 2017. Im Februar 1979 fielen chinesische Truppen in Vietnam ein, mussten sich aber nach 27 Tagen schmachvoll zurückziehen. Chinas rasante Hochrüstung im laufenden Jahrzehnt wird solch eine Niederlage in Zukunft verhindern. Der Aufstieg der Volksrepublik wird militärisch kräftig unterfüttert; das Motto Frieden durch Stärke überlagert neuerdings die Parole vom friedlichen Aufstieg. Heute hat China schon den zweitgrößten Verteidigungshaushalt der Welt.

Keine Grundstücke erwerben

Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts gibt es zwischen Hindukusch und Hokkaido drei konfliktträchtige Krisenzonen: Kaschmir, Taiwan und Korea. Eine Lösung der Probleme ist nirgendwo nähergerückt. Im Gegenteil: In jüngster Zeit mehren sich überall die bedrohlichen Reibungsflächen.

Dies gilt zunächst einmal für Kaschmir. Das Gebiet ist seit dem ersten pakistanisch-indischen Krieg geteilt. Den Norden – Gilgit-Baltistan – halten die Pakistanis besetzt, den Süden – Jammu und Kaschmir – die Inder. Der hinduistische Fürst Han Singh hatte der Einverleibung der mehrheitlich muslimischen Region damals gegen die Einräumung bestimmter Privilegien zugestimmt: eigene Verfassung, eigene Fahne, eigene Gesetzeshoheit und Verwaltung; Indien blieb nur die Außen-, Sicherheits- und Kommunikationspolitik vorbehalten. Diese Teilautonomie wurde in Artikel 370 der indischen Verfassung verankert; gesetzlich wurde zudem festgelegt, dass Nicht-Kaschmiris sich nicht in dem Autonomiegebiet niederlassen und dort auch keine Grundstücke erwerben dürfen.

Vor einer Woche hat der hindu-nationalistische Ministerpräsident Narendra Modi, dem Drängen seiner extremistischen Anhänger folgend, das Autonomie-Statut aufheben lassen. Vorsichtshalber verstärkte er die indische Militärgarnison um 10.000 Mann und setzte 36.000 Paramilitärs ein. Auch ließ er Schulen und Colleges schließen, Internet- und Telefonverbindungen abschalten, die Versammlungsfreiheit aussetzen und Ausgangssperren einführen. Nicht zu Unrecht erwartete er Widerstand und Proteste.

So fürchten die Kritiker, die Aufhebung des Verbots, Immobilien zu kaufen, werde zu einer Masseneinwanderung von Hindus führen – einer überfremdenden Landnahme ähnlich der israelischen Besiedlung im Westjordanland oder der chinesischen in Xinjiang. Auch ist der Unmut groß, dass Jammu und Kaschmir kein Bundesstaat wurde, sondern zu einem direkt von der Regierung in Delhi regierten Unionsterritorium degradiert worden ist. Die kaschmirische Lunte glimmt nun auf gefährliche Weise. Das Verhältnis der beiden Atommächte Indien und Pakistan ist schwer belastet, und der dschihadistische Terror könnte neuerlich aufleben.

Zugleich hat das Taiwan-Problem eine gefährliche Dimension angenommen. Die Heimführung der Insel ins Reich des Gelben Kaisers ist eine alte Forderung des Pekinger Regimes. Xi Jinpings Vorgänger waren bereit, geduldig abzuwarten, bis die Umstände so weit heranreifen, dass sie eines Tages den Vollzug der Einheit erlauben. Doch das ist nicht Xis Art. Man könne die Taiwan-Frage nicht einfach "von Generation zu Generation" weiterreichen, hat er mehrfach gesagt. Die Wiedervereinigung des Vaterlandes ist eine der drei großen historischen Aufgaben, deren Erfüllung er sich vorgenommen hat. Man geht schwerlich fehl in der Annahme, dass er als Einiger Chinas in die Geschichte eingehen will wie vor 2000 Jahren Qin Shihuangdi, der erste erhabene Gottkaiser des Reichs.

Ominöse Warnung

Das Problem ist, dass China die Anwendung von Gewalt nicht ausschließt. So heißt es in dem vor vier Wochen veröffentlichten Defense White Paper: "China muss und wird vereinigt werden (… ). Wir werden niemals erlauben, dass ein Teil unseres Territoriums von China abgespalten wird, von wem, welcher Organisation, welcher politischen Partei, wie und wann auch immer." Das ist ein wörtliches Zitat aus Xis Rede beim 19. Parteitag. Aber dann heißt es ausdrücklich: "Wir geben kein Versprechen, auf den Einsatz von Gewalt zu verzichten, und behalten uns die Option vor, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen." Xi redet zwar ständig von "friedlicher Wiedervereinigung", doch die Unsicherheiten sind gewachsen.

Seine Versicherung, man respektiere das bestehende Gesellschaftssystem auf Taiwan und die Lebensweise der dortigen Landsleute, verliert mit jedem Tag an Überzeugungskraft, mit dem er in Hongkong das Prinzip "Ein Land, zwei Systeme" untergräbt. Die ominöse Warnung an die Hunderttausenden gegen die Einschränkung der demokratischen Freiheiten protestierenden Demonstranten – "Wer mit dem Feuer spielt, wird darin umkommen" – muss die Taiwanesen schrecken. Vollends das Video, das die Garnison der Volksbefreiungsarmee in Hongkong ins Netz stellte. Darin rücken Chinas Truppen gewaltsam gegen die "Aufrührer" vor. Käme es tatsächlich zu einem Einsatz des Militärs, so würde das kommunistische Regime so isoliert wie nach der Niederschlagung der Studentenbewegung auf dem Tienanmen-Platz im Juni 1989 und nicht minder in Verruf geraten wie Putin nach der Annexion der Krim. Es wäre der Beginn eines jahrzehntelangen Kalten Krieges. Den Hardlinern um Donald Trump, die ohnehin bewusst darauf zusteuern, ließe sich dann nichts mehr entgegensetzen.

Die dritte Krisenzone Asiens ist seit 1950 Korea. Bis heute herrscht dort nur ein prekärer Waffenstillstand; ein Frieden ist nie geschlossen worden. In den zurückliegenden 20 Jahren haben das nordkoreanische Atomwaffenprogramm und seine Raketenrüstung mehrfach wiederkehrende Hochspannung erzeugt. In den Neunzigerjahren gab es ein erstes Abkommen über die Entnuklearisierung Nordkoreas; es verfiel nach wenigen Jahren. Seit 2017 versucht Donald Trump den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un zu einem neuen "grand bargain" zu bewegen – erst mit der Androhung von "Feuer und Zorn" und "totaler Vernichtung", dann mit schmieriger Schmeichelei ("ein toller Kerl", "we fell in love"). Bislang hat man eher den Eindruck, dass Kim den Präsidenten an der Nase herumführt. Doch die Verhandlungen gehen weiter. Sie könnten ebenso zur atomaren Abrüstung führen wie zu einer neuen Runde fataler Politik am Rande des Abgrunds.

Pax Asiatica? Zweifel sind erlaubt. Europas kriegerische Vergangenheit könnte durchaus Asiens Zukunft werden, wenn nicht die Leidenschaft zur Vernunft obsiegt.

Weiterführender Link: Adam Taylor, Modi’s Kashmere move proves his fiercest critics right (Washington Post) #Abo