Heute Berlin, morgen Paris. Boris Johnson ist auf Europatour. Die Kontinentaleuropäer sollten den Mann, der so viele Lügen über die Europäische Union verbreitet hat wie kaum ein zweiter Politiker, freundlich begrüßen. Immerhin ist er der Premierminister eines großen europäischen Landes, das tapfer – und eine Zeit lang ganz allein – gegen die Nazis gekämpft hat und auch sonst über sehr viele Vorzüge verfügt, wenn man einmal vom Essen absieht. "Willkommen!", hat die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ihm bei der Pressekonferenz am Mittwochabend zugerufen und freundliche Worte hinterhergeschoben. Gut so. Jeder Brite soll sich in Kontinentaleuropa heute und in aller Zukunft wärmstens aufgenommen fühlen, selbst der gnadenlose Populist und EU–Verächter Boris Johnson.

Aber hoffentlich hat die Bundeskanzlerin den britischen Premier beim anschließenden Arbeitsgespräch ebenso freundlich gefragt: "Was hast du uns mitgebracht, lieber Boris?" Johnson dürfte dann ein wenig in Verlegenheit geraten sein, um nicht zu sagen: ins Stottern. Denn er hat nichts (Neues) mitgebracht, das ist schon vor seinem Besuch deutlich geworden.

In einem Brief an EU-Ratspräsident Donald Tusk fordert er, den Backstopp aus dem Austrittsvertrag zu streichen Das ist jene Regelung, nach der Nordirland in der europäischen Zollunion bleiben soll, solange es kein neues Abkommen über die Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien gibt. Der Backstop soll eine harte Grenze zwischen Nordirland und Irland verhindern.

Boris Johnson versprach "alternative Vereinbarungen", für die er sich jetzt mit etwas mehr Kraft einsetzen werde als seine Vorgängerin. Gemeint war Theresa May, die Boris in einem langen Abnutzungskampf aus dem Amt bugsierte. Aber auch May hatte schon in den vergangenen drei Jahren immer wieder von anderen, alternativen Vereinbarungen gesprochen, die den Backstop wie auch eine harte Grenze zwischen Nordirland und Irland verhindern sollten. Nur ebenso wie Johnson kam auch May nicht über diese unbestimmte Phrase hinaus. Bis heute weiß niemand, was diese Alternativen sind. Darauf darf sich die EU nicht einlassen.

Johnson ist auch gar nicht nach Berlin gekommen, um Lösungen anzubieten. Er will nur den Briten daheim vermitteln, dass er alles, aber auch wirklich alles versucht hat, um einen No Deal, ein EU-Austritt ohne Abkommen, zu verhindern, am Ende aber an der Halsstarrigkeit der restlichen EU gescheitert ist.

Wenn der Brexiteer Johnson am 31. Oktober Großbritannien ohne Abkommen aus der EU führt, wenn es dann zu schweren ökonomischen und politischen Verwerfungen kommt, dann braucht er einen Sündenbock. Angela Merkel und der französische Ministerpräsident Emmanuel Macron sollen in den Augen der Briten erscheinen wie kalte Apparatschiks, die dem urbritischen Wunsch nach Freiheit und Souveränität immerzu mit einem "Nein, Nein, Nein!" begegnet sind und die Briten schließlich zur Strafe für so viel Freiheitswillen aus der EU schmissen. Die EU als strafendes Imperium. Dieses Narrativ will Johnson stricken. Das ist hässlich, aber es ist nicht verboten.

Deshalb bleibt Freundlichkeit das Gebot der Stunde. Aber ein paar klare Sätze tun durchaus not: "Lieber Boris, jeder durchschaut dein Spiel. Aber wir taugen nicht zum Sündenbock!"

Wenn es ihm Angela Merkel nicht sagt, dann wird es vielleicht Emmanuel Macron tun. Gerne auch öffentlich.