Fintan O'Toole ist Kolumnist der "Irish Times" und Autor von "Heroic Failure: Brexit and the Politics of Pain". Sein neues Buch "The Politics of Pain: Postwar England and the Rise of Nationalism" erscheint im November.

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ZEIT ONLINE: Herr O'Toole, der Brexit hat Großbritannien in ein Labyrinth gestürzt, aus dem es scheinbar keinen Ausweg mehr gibt. Was wird bis zum 31. Oktober passieren, dem jüngsten Ultimatum der Europäischen Union?

Fintan O'Toole: Ich denke, die Strategie von Boris Johnson, sofern er überhaupt eine hat, besteht darin, die EU mit absurden Forderungen zu konfrontieren, von denen er weiß, dass sie sie nicht akzeptieren kann und will – beispielsweise den Backstop aus dem Austrittsvertrag zu streichen. Er möchte den Eindruck erwecken, es gehe um Großbritannien gegen den Rest der Welt: Die Europäer sind unvernünftig, die Iren sind unvernünftig, die remainer im britischen Parlament sind unvernünftig. 

ZEIT ONLINE: So will er einen EU-Austritt ohne Abkommen durchsetzen? 

O'Toole: Es gibt keine Mehrheit für einen No-Deal-Brexit im britischen Unterhaus. Das weiß Boris Johnson. Er hofft, dass ihn jemand aufhalten wird. 

ZEIT ONLINE: Aufhalten?

Fintan O'Toole © Suki Dhanda/​Observer/​eyevine

O'Toole: Ja, mit einem Misstrauensvotum beispielsweise. Die Labour-Partei wird genau das im September versuchen, da bin ich sicher. Johnson hofft, so genug Chaos zu schaffen, um vielleicht eine vorgezogene Neuwahl zu erzwingen, falls er die Vertrauensabstimmung verliert. Dann könnte er verkünden, der Wille des britischen Volks werde missachtet und er brauche eine große Mehrheit im Parlament, um den Brexit endlich durchzusetzen.

ZEIT ONLINE: Gibt es nicht schon genug Chaos in Großbritannien?

O'Toole: Ja, das Parlament und die Öffentlichkeit sind gespalten, es gibt keine Mehrheit für irgendeine Art von Brexit. Deshalb ist Johnsons Strategie extrem riskant. Es ist überhaupt nicht klar, ob er eine solche Wahl gewinnen würde. 

Johnson ist in einem Paradox gefangen. Er möchte den Europäern und den Iren Angst machen, deshalb redet er so viel über einen No-Deal-Brexit. Aber natürlich kann man die Europäer und Iren nicht erschrecken, ohne auch die Briten zu verschrecken. Derzeit gibt die Regierung viel Geld für öffentliche Informationskampagnen aus. Das Motto: Bereiten Sie sich auf einen No-Deal-Brexit vor. Auch wenn viele Anhänger eines Brexits in Großbritannien immer noch nicht wissen, was das wirklich bedeutet, könnten sie zu dem Schluss kommen, dass das vielleicht doch keine ganz so gute Idee ist. 

ZEIT ONLINE: Reicht die Zeit überhaupt, um bis Ende Oktober noch mal zu wählen?

O'Toole: Das ist die entscheidende Frage. Meine Hauptsorge ist nicht, dass Johnson eine vorgezogene Neuwahl gewinnt und so einen No-Deal-Brexit durchdrückt. Meine Sorge ist, dass er in Großbritannien ein riesiges Chaos anrichtet und eine Neuwahl erzwingt, die das Land gleichzeitig in eine umfassende Verfassungskrise stürzt.