Der britischen Opposition fällt es schwer, sich zu einer Rebellion gegen Großbritanniens Premierminister Boris Johnson zusammenzuschließen. Johnson hat angekündigt, er wolle das Land Ende Oktober notfalls auch ohne Abkommen aus der EU führen, "komme was wolle". Die proeuropäischen Abgeordneten im britischen Parlament wollen das verhindern und dazu ein Misstrauensvotum gegen Johnson einbringen. Daraufhin soll eine überparteiliche Übergangsregierung gebildet werden, um den Brexit ohne Deal zu verhindern. Doch statt sich zu einigen, bringt der Plan neuen Streit.

Vergangene Woche hatte Labour den eigenen Parteichef und Oppositionsführer Jeremy Corbyn als möglichen Übergangspremier vorgeschlagen. Die Chefin der Liberaldemokraten, Jo Swinson, hatte ihn für das Amt jedoch abgelehnt. Nun hat ihr der Labour-Politiker und Londoner Bürgermeister Sadiq Khan nahegelegt, sich Corbyns Vorschlag doch noch einmal zu überlegen. Das berichtet der Guardian unter Berufung auf einen Brief, der der Zeitung vorliege.

Darin habe Khan der Liberaldemokratin geschrieben: Ihr Plan eine Tory- oder Labour-Parteigröße an die Spitze zu setzen, sei nicht durchführbar. "Dass die Liberaldemokraten darauf bestehen, Jeremy Corbyn könnte die potenzielle Übergangsregierung nicht leiten, ist nun das größte Hindernis, um den No-Deal zu verhindern", schreibt Khan der britischen Zeitung zufolge.

"Father of the House" soll es richten

Swinson hatte selbst einen Kandidaten vorgeschlagen: Ken Clarke, Alterspräsident des britischen Unterhauses. Und der hat Interesse gezeigt. Wenn es der einzige Weg wäre, um einen EU-Austritt ohne Abkommen zu verhindern, "würde ich es nicht ablehnen", sagte der ehemalige konservative Finanzminister (1993-97) in einem Interview mit der BBC

Clarke gilt als ausgesprochen proeuropäisch, doch er genießt überparteilich großen Respekt. Er sitzt seit 1970 im Unterhaus und ist damit der dienstälteste Abgeordnete, oder "Father of the House", wie es in Großbritannien heißt.

Neben einer Übergangsregierung wäre es denkbar, dass die Abgeordneten der Regierung die Kontrolle über den Parlamentskalender entreißen und eine Verlängerung der Brexit-Frist per Gesetz erzwingen.

Die Bundesregierung stellt sich einem Medienbericht zufolge derweil darauf ein, dass Großbritannien die Europäische Union ohne Austrittsabkommen verlassen wird. Es gebe eine "hohe Wahrscheinlichkeit" für einen ungeordneten Brexit am 31. Oktober, zitiert das Handelsblatt aus einem internen Papier des Bundesfinanzministeriums. Da der neue britische Premierminister Boris Johnson auf einem Ausstiegsvertrag ohne die Backstop-Sonderregelung für Nordirland bestehe, müssten die Mitgliedsstaaten das Szenario eines No-Deal-Brexits ernst nehmen.