• Premierminister Boris Johnson will dem Unterhaus eine vorübergehende Zwangspause auferlegen. Sollte die britische Königin dem zustimmen, könnte er die Opposition aushebeln.
  • Im Parlament hatte sich nämlich Widerstand gegen Johnsons Pläne für einen EU-Austritt ohne Abkommen abgezeichnet.
  • Kritisiert wird der Premierminister nicht nur von der Labour-Partei, auch einflussreiche Tories sind über den Vorstoß empört. Eine Petition gegen die Aussetzung des Parlaments hat in wenigen Stunden mehr als 300.000 Stimmen bekommen.
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Hasan Gökkaya
Boris Johnson will den Brexit um jeden Preis. Das hat der britische Premier heute erneut deutlich gemacht. Der Regierungschef will dem Unterhaus eine Zwangspause bis zum 14. Oktober auferlegen und damit die Opposition aushebeln. Ob das klappt, hängt von der britischen Königin ab; Queen Elizabeth II müsste seinem Antrag zustimmen.

Johnson wird für seinen Vorstoß enorm kritisiert. Die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon wirft ihm diktatorisches Verhalten vor. Labour-Chef Jeremy Corbyn spricht von einer Bedrohung für die Demokratie. Empört sind auch Johnsons Parteikollegen, wie etwa Parlamentspräsident John Bercow oder der einflussreiche Konservative Dominic Grieve, der nun ein Misstrauensvotum gegen Johnson für wahrscheinlicher denn je hält.

Es gibt aber auch Befürworter, die nordirische DUP etwa stützt den Kurs von Boris Johnson.

Nun warten alle auf eine Entscheidung aus dem Königshaus: Wird Queen Elizabeth II das Unterhaus tatsächlich in einen verlängerten Zwangsurlaub schicken?

Vielleicht lässt sie sich ja von Johnsons Gegnern überzeugen, dies nicht zu tun. Jeremy Corbyn soll bereits um ein Treffen mit der Königin gebeten haben. Er wolle sie davon abbringen, Johnsons Bitte nachzukommen, berichten britische Medien.

Eine Petition, die die Aussetzung des Parlaments verhindern will, hat in nur wenigen Stunden mehr als 270.000 Stimmen gesammelt. Tendenz: steigend.

Damit beenden wir dieses Liveblog.
Jurik Caspar Iser
Labour-Chef Jeremy Corbyn will Berichten mehrerer britischer Journalisten zufolge mit Königin Elisabeth sprechen, um die geplante Schließung des Parlaments zu verhindern.

Corbyn habe der Königin geschrieben und eine entsprechende Bitte vorgebracht, twitterte etwa Guardian-Redakteurin Heather Stewart.
Der BBC-Journalist Nick Eardley veröffentlicht eine Textpassage, bei der es sich um einen Ausschnitt aus dem Schreiben an die Königin handeln soll.
Jurik Caspar Iser
Die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon wirft Boris Johnson in einem Statement jetzt sogar diktatorisches Verhalten vor.
Marcus Gatzke
Der britische Telegraph hat sehr schön erklärt, wie es in den kommenden Wochen weitergehen könnte:

Marcus Gatzke
Der britische Politiker Chris Patten warnt, dass Großbritannien zu einem gescheiterten Staat werden könnte. So schreibt er auf einer Debatten-Plattform:

"Gescheiterte Staaten waren früher weitgehend den Entwicklungsländern vorbehalten, in denen die Institutionen der Demokratie keine tiefen Wurzeln haben. In Anbetracht des Ausmaßes, in dem die Brexit-Kampagne die britischen Institutionen durch Lügen untergraben hat, ist jedoch zu befürchten, dass das Land bald einer unbedeutenden Diktatur ähneln wird."

Patten ist ehemaliger EU-Kommissar und war der letzte Gouverneur von Hongkong. Er ist außerdem Kanzler der Universität Oxford.

Marcus Gatzke
Es gibt auch schon eine Petition, die Aussetzung des Parlaments zu verhindern. In wenigen Stunden sind mehr als 150.000 Stimmen zusammengekommen.
Hasan Gökkaya
Klar, die Kritik der Opposition an dem Vorhaben von Boris Johnson war erwartbar. Aber auf wie viel Protest unter den Tories, also von Parteikollegen, hatte sich der Premier eingestellt?

Die Reaktionen sind zum Teil krass.

So bezeichnet der Konservative und frühere Schatzkanzler Philip Hammond Johnsons Manöver als "zutiefst undemokratisch". Es sei eine Schande, wenn das Parlament davon abgehalten werde, der Regierung in Zeiten einer nationalen Krise auf die Finger zu schauen.

Empört ist neben Parlamentspräsident John Bercow ("Frevel gegen die Verfassung") auch der populäre Parteikollege Dominic Grieve ("ziemlich skandalös"). Seit heute hält er ein Misstrauensvotum gegen Johnson als wahrscheinlicher.
Marcus Gatzke
Allen, die gerne wissen wollen, wie es überhaupt so weit kommen konnte, empfehle ich diesen grandiosen Text von meiner Kollegin Imke Henkel:

"Die Fülle von Lügen, Übertreibungen und Fantastereien, die nicht nur vor dem Referendum, sondern auch seither die britische Politik beherrscht, hat die Menschen erschöpft und verstört zurückgelassen. Auf die postfaktische folgt die postpolitische Ära."
Marcus Gatzke
Was will Boris Johnson mit der Aussetzung des Parlaments bewirken? Ist er wirklich auf einen No Deal aus? In Großbritannien wird darüber gerade intensiv gerätselt.

Eine positive Lesart seiner Strategie geht so:

Boris Johnson möchte der EU signalisieren, dass er fest im Sattel sitzt und ihn das Parlament nicht ausbremsen kann, beispielsweise über ein Misstrauensvotum. Die EU ist deshalb bereit, ihm entgegenzukommen. Im September wird wieder verhandelt. Das Ergebnis: Boris Johnson bringt im Oktober, so spät wie möglich, einen leicht geänderten Kompromiss mit der EU ins Unterhaus ein. Die Abgeordneten müssen sich dann entscheiden: Diesen Deal oder keinen Deal.

Seine Vorgängerin Theresa May hat es genauso – bis auf die Aussetzung des Parlaments – drei Mal versucht und ist drei Mal gescheitert.

Hasan Gökkaya
Boris Johnson trete die Demokratie nicht nur mit Füßen, sondern ruiniere auch die Perspektiven zukünftiger Generationen, twittert Londons Bürgermeister Sadiq Khan.