Wo Boris Johnson ist, kann Dominic Cummings nicht weit sein. Der eine sitzt als Premierminister in 10 Downing Street. Was aber das Regieren angeht, ist der andere beinahe ebenso entscheidend: Special Advisor an der Spitze der britischen Regierung, von niemandem gewählt, aber wichtiger als die meisten Minister, einflussreicher als alle anderen Berater. Cummings ist der mächtigste Mann hinter der politischen Fassade in London.

Wer ist dieser Cummings? In Großbritannien ist er bekannt und dennoch der große Unbekannte. Bekannt, weil er in dem Fernsehspiel Brexit: The Uncivil War von Benedict Cumberbatch gespielt wurde – als ein hyperaktiver Egomane, der 2016 mit brutaler Rücksichtslosigkeit der Brexit-Kampagne Vote Leave zum überraschenden Erfolg verhalf. Unbekannt ist Cummings, weil eigentlich niemand genau weiß, was der 47-Jährige eigentlich will. An diesem Montagmorgen etwa – pünktlich um 7:55 Uhr – bestimmte er erst einmal, wer in Downing Street noch politischer Berater sein darf und wer nicht. Cummings diktiert vor allem, wie sich die Politikmaschine auf die unweigerlich im Herbst auf die Partei zukommende Wahl vorbereiten soll.

Geboren im grauen, nordischen Durham als Sohn eines Projektmanagers für Ölplattformen und einer Lehrerin für Kinder mit Lernschwierigkeiten führte Cummings' Weg über eine Privatschule nach Oxford: Klassische und zeitgenössische Geschichte studierte er dort. Als junger Mann half er seinem Onkel Phil in dessen Spelunke und Nachtclub "Klute" in Durham als Türsteher, wobei ihm seine rüde Art geholfen haben mag. Cummings war schon immer gern der Einzelgänger, er steht am liebsten abseits, hält nichts von diplomatischen Gepflogenheiten. Seine eher schlampige Art, sich zu kleiden – T-Shirt oder Hemd aus der Hose –, demonstriert das mehr als deutlich.

Chaotische Führung als Grundübel

Dass eine ungehobelte Sprache auch außerhalb der Kneipe zum guten Ton gehören kann, lernte Cummings in Oxford, wo er unter dem Einfluss des damaligen Geschichtsprofessors Norman Stone stand. Stone war zuvor ein anerkannter Historiker gewesen, nachdem er mit seiner klugen Betrachtung des Ersten Weltkriegs (The Eastern Front 1914–1917) Aufsehen erregt hatte. Das Resümee seines Buchs: Russland unterlag im Ersten Weltkrieg nicht aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten, sondern wegen seiner politisch, militärisch und administrativ chaotischen Führung. Die Auswirkungen auf das russische Volk, die Einzelperson, vernachlässigte Stone indessen, so die Kritik. Es ist eine Lehre, die das Denken von Cummings prägen sollte.

Stone selbst glitt in den Alkoholismus ab, erfüllte seinen Lehrauftrag nicht mehr ordentlich, sodass ihn Cambridge nach Oxford abschob, wo er zwar als Historiker lehrte, jedoch immer mehr in die politische Rechte abdriftete. Er zog mit schonungsloser Ehrlichkeit, oft aber auch mit Beleidigungen über andere Historiker und Politiker her. Seine letzten Bücher waren schlecht recherchiert, gefüllt mit Plattitüden – Merkmale, die Cummings sich aneignete.

"... sodass endlich was geändert wird"

Cummings ist politisch allerdings keinesfalls rechtsextrem. Er schrieb einmal in einem seiner endlos langen Blogtexte: "Ich mag keine Gruppen, schließe mich nicht irgendwelchen Clubs an. Ich beurteile Personen und Ideen eigenständig – für mich sind Parteien eben da, aber sie prägen nicht mein Urteil, meine Werte, meine Ideen." Seine Texte sind ausufernde Abhandlungen über wissenschaftliche Ideen für den modernen Führungsstil. "Ich will einfach nur, dass Leute erkennen, was uns heute an gutem Regierungsstil hindert, sodass endlich was geändert wird." Cummings' Urteil über die heutige Politik – vor allem auch in Downing Street – ist vernichtend.

Wer seine Gedanken verstehen will, lese seinen Beitrag Some thoughts on education and political priorities. Darin kritisiert er, dass sich die Welt von einer Gesellschaftsordnung, die Zigtausende Jahre lang auf hierarchisch einfacher, linearer Menschenführung mit persönlichem Gedankenaustausch und einfachen Entscheidungsabläufen basierte, in kurzer Zeit in eine extrem komplexe Gesellschaft mit dezentral gefällten Entscheidungen und technologisch bestimmten Abläufen verändert habe, der politische Führungsstil demgegenüber aber archaisch geblieben sei. Die Ausbildung der Entscheidungsträger sei "furchtbar" und mittelmäßig. "Normalerweise sind sie schlecht oder falsch ausgebildet (selbst Elite-Universitäten bieten Kurse für künftige politische Entscheidungsträger an, die völlig ungeeignet sind)", schreibt Cummings mit einem Seitenhieb auf Oxford und all jene Politiker, die dort ausgebildet wurden. Wie Mathematiker, Wissenschaftler und Unternehmer komplexe Probleme angingen, sei Politikern völlig fremd. Das sei schlicht gefährlich, da die heutigen Märkte, die heutige Wissenschaft und Technologie unsere Institutionen und Traditionen zerstören, unsere Gefühle manipulieren und unsere Ideen umlenken könnten.