Schon so viele US-Präsidenten mussten diese Bürde tragen: Den Angehörigen der Opfer ein wenig Trost spenden, Polizei und medizinischem Personal danken, den persönlichen Einsatz für strengere Waffengesetze geloben – in dem Wissen, dass sich kaum etwas ändern und die Debatte bald wieder an Dringlichkeit verlieren wird. Bis dann der nächste wütende oder wirre Schütze eine weitere Stadt in Trauer stürzt, mithin das ganze Land. Trotzdem sind diese Gesten wichtig.

Die Menschen in El Paso und Dayton hätten einen Moment der Besinnung verdient gehabt, der allein der Heilung gewidmet ist. Dass es den nicht geben würde, war absehbar, als Donald Trump ankündigte, am Mittwoch die beiden Orte besuchen zu wollen, die am Wochenende so viel Leid erfahren hatten. In Ohio wie in Texas erwarteten ihn Protest und Ablehnung ("Trumps Anwesenheit verschlimmert nur unser Trauma", "Hass ist hier nicht willkommen", "Du bist der Grund", war auf Schildern von Demonstranten zu lesen, die auch für strengere Waffengesetze eintraten; Trump-Anhänger liefen ebenfalls auf). Manche hätten es für anständiger gehalten, wenn dieser Präsident auf das traurige und doch so wichtige Ritual verzichtet hätte. Vor allem in El Paso, wo ein weißer Rassist mit Waffengewalt auf die "hispanische Invasion" antworten wollte, sein Hass auf die "Eindringlinge" niedergeschrieben in einem Manifest, dessen Vokabular mit der fortwährenden Hetze Trumps so viel gemein hat.

Es sei die Zeit, um die destruktive Parteilichkeit zu überwinden und den Mut zu finden, dem Hass mit Geschlossenheit, Hingabe und Liebe zu begegnen, die Nation müsse mit einer Stimme Rassismus, Fanatismus und weißen Rechtsextremismus verurteilen, die finsteren Ideologien müssten besiegt werden – solche Worte, die Trump am Montag vom Teleprompter im Weißen Haus ablesen musste, hatten schon da einen hohlen Klang. Wer sollte ihm das glauben? Aber wenigstens für den einen Tag, der den Opfern und Angehörigen gewidmet sein sollte, müsste er sich doch zusammenreißen können. Noch am Morgen vor dem Abflug hatte Trump alle Vorwürfe, er selbst befördere mit seinen Worten Hass und Spaltung, ja Gewalt, beiseite gewischt: "Ich denke, meine Rhetorik bringt Menschen zusammen."

El Paso - "Trump ist hier nicht willkommen" US-Präsident Donald Trump ist bei seinem Besuch nach dem Attentat in El Paso auf Proteste gestoßen. Viele geben ihm direkt die Verantwortung für den Angriff. © Foto: Reuters/Callaghan O'Hare

Trump spricht von "großartigem Tag"

Die Reise blieb auf das Nötigste beschränkt. Vor allem besuchte der Präsident Kliniken in beiden Städten, in denen Überlebende behandelt werden. Um den Begegnungen den nötigen Raum zu geben, absolvierte Trump die Termine ohne Journalisten, das Weiße Haus stellte selbst Bild- und Videomaterial – und hätte auch gern eine überschwänglich positive Stimmung verbreitet.

Der demokratische Senator Sherrod Brown und die ebenfalls demokratische Bürgermeisterin Nan Whaley, die ihn viel für seine rassistischen Äußerungen kritisiert hatten und es weiter tun, begleiteten den Präsidenten in Dayton im Miami Valley Hospital. Der Presse berichteten sie später, sie hätten ihn im Gespräch aufgefordert, für strengere Waffengesetze einzutreten. Brown sagte, Trumps Besuch sei gut aufgenommen worden, er habe die richtigen Dinge getan. Auch Whaley sagte, Opfer und Helfer seien dankbar gewesen.

Trumps Sprecherin Stephanie Grisham nannte diese Einschätzungen dennoch "ekelhaft", sie müssten doch anerkennen, wie glücklich alle gewesen seien, den Präsidenten und die First Lady bei sich zu haben. Sein Social-Media-Direktor Dan Scavino ärgerte sich ebenfalls, der Präsident sei in der Klinik schließlich wie ein Rockstar behandelt worden. Trump selbst twitterte später eingeschnappt, die beiden hätten die Stimmung falsch wiedergegeben: "Es war ein warmherziger und wundervoller Besuch. Ungeheurer Enthusiasmus und sogar Liebe." In El Paso legte er nach, nannte beide "sehr unehrlich", sie hätten auch gesagt, es sei womöglich nicht angemessen, dass er da sei. Eine inhaltliche Grundlage für die Angriffe gab es nicht. Am Ende des Besuchs in El Paso sprach Trump von einem "großartigen Tag". Er sei beeindruckt von "der Liebe und dem Respekt" für das Amt des Präsidenten. Er wünschte, die Presse hätte das auch sehen können. Für ihn war es eben doch ein Auftritt in eigener Sache.

Trost bleibt leere Geste

Man würde eigentlich glauben, dass der Präsident einer so erschütterten Nation an diesem Tag wenigstens einen kurzen Moment innehält. Dass er die Zeit in der Air Force One, zumal auf dem Weg von dem einen zum anderen Schauplatz der jüngsten Massaker, natürlich nutzen muss, um den nicht aufschiebbaren Regierungsgeschäften nachzukommen. Dass er aber auch nachdenkt, selbst trauert, sich all den unbequemen Fragen widmet, die sich nun stellen.

Zwischen seinen Besuchen in Dayton und El Paso twitterte Trump dann allerdings dies: "Schaue mir den schläfrigen Joe Biden an, der eine Rede hält! Sooo langweilig!" Er wettert auf die ebenso langweiligen Medien, die er an schlechten Quoten zugrunde gehen sieht, sollte der führende Kandidat der Demokraten zum Präsidenten gewählt werden, und das ganze Land gleich mit – "Es wird ein einziger großer Crash sein, aber wenigstens wird sich China freuen!" Es ist eben immer Wahlkampf für diesen Präsidenten.

Trump, der so eindringlich dazu aufgerufen hatte, den politischen Streit für eine Weile ruhen zu lassen, kann es selbst nicht lassen. In El Paso, wo so vieles andere viel wichtiger gewesen wäre, gibt er sein erstes Statement dieser Kondolenzreise – und nutzt es fast ausschließlich, um seine Gegner anzugreifen. Und selbst auf dem Flug zwischen den beiden trauernden Städten teilt er schon wieder aus. Wichtiger als der Schmerz der Opfer ist ihm, wie er sich präsentieren kann. Vielleicht hat er im Gespräch mit ihnen ein paar richtige Worte gefunden. Doch sein Trost bleibt eine leere Geste. Und nein, Trumps Rhetorik bringt keine Menschen zusammen.