Angestachelt von einem Präsidenten, der mit rassistischer Hetze die Spaltung der Gesellschaft vorantreibe, würden die USA ein echtes Problem bekommen: "in Form von weißer Hassgewalt". Davor warnte in der New York Times erst vor wenigen Tagen der frühere Vizedirektor des FBI für Spionageabwehr, Frank Figliuzzi. Instinkt und Erfahrung sagten ihm das. "Ich hoffe, ich liege falsch", schrieb er noch.

Das war, bevor am Samstag ein 21-Jähriger im texanischen El Paso 20 Menschen tötete – die Polizei zieht ein rassistisches Hassverbrechen in Betracht, nachdem ein ideologisches Manifest entsprechenden Inhalts gefunden wurde. Es war auch, bevor in der Nacht auf Sonntag in Dayton in Ohio ein 24-Jähriger neun Menschen erschoss – nach ersten Erkenntnissen ohne ideologischen Hintergrund.

Keine 24 Stunden später erschütterte also gleich das nächste Massaker die USA. Es mag zynisch klingen, aber sollte im zweiten Fall am Ende herauskommen, dass dem Täter lediglich unpolitisch die Sicherungen durchknallten, wäre das fast eine Erleichterung. Die wiederkehrende Debatte um den so leichten Zugang zu Schusswaffen nach solch traurigen Ereignissen mag unerträglich sein, weil sie so absehbar fruchtlos sein wird. Sie ist aber immer noch erträglicher als die Implikationen einer Tat wie im texanischen El Paso. Oder im kalifornischen Gilroy, wo ebenfalls erst vor wenigen Tagen ein 19-Jähriger drei Menschen tötete und auch von der Überlegenheit der weißen Rasse gesponnen haben soll. Eine Idee, die zu viele blasse Amerikaner mit Gewalt vertreten.

Ende Juli hatte FBI-Direktor Christopher Wray im Justizausschuss des Senats über die Dimension der Bedrohung berichtet: rund 100 Festnahmen in den vergangenen neun Monaten im Zusammenhang mit "heimischem Terrorismus". Dazu zählen vor allem Straf- und Gewalttaten von US-Amerikanern, die Antiregierungsmilizen oder rechtsextrem-rassistischen Gruppen angehören, oder Individuen, die ähnlichen Vorstellungen anhängen. Und laut Wray steht ein Großteil der laufenden Ermittlungen in Verbindung mit White Supremacy, der ideologischen Behauptung einer Vorherrschaft der Weißen. Tendenz steigend.

Einen "Akt der Feigheit" nannte Donald Trump nun die "hasserfüllte Tat" in Texas. Es gebe keine Rechtfertigung dafür, unschuldige Menschen zu töten. "Hass hat keinen Platz in unserem Land", sagte er. Mögliche ideologische Hintergründe ignorierte Trump, die Vorfälle seien Teil eines "Problems psychischer Erkrankungen".

Für diesen US-Präsidenten ist eine solche Verurteilung überraschend schnell und deutlich. Wir erinnern uns: Nach gewalttätigen Ausschreitungen von Rechtsextremen in Charlottesville in Virginia im August 2017 – wo ein Neonazisympathisant eine Frau tötete, als er seinen Wagen in die Gegendemonstration fuhr – hielt er es für wichtig, festzuhalten: Auf beiden Seiten gebe es Verantwortung für die Gewalt, und auf beiden Seiten gebe es "sehr feine Leute" – also unter denen, die gegen Rassismus protestierten, und denen, die ihn unverhohlen zur Schau stellten, inklusive Hitlergruß und "Tod-den-Juden"-Rufen, so ließ sich das verstehen. Dass er sich von Letzeren distanzierte, nahmen ihm viele nicht ab.

Sagen wir einmal vorsichtig, Trump scheint es sich mit den Ultranationalisten, Verfechtern der weißen Vorherrschaft und sonstigem rassistischen Pack nicht verscherzen zu wollen. Schon während seines Wahlkampfs, der ja seither nie aufgehört hat, ließ er sich kaum zu Abgrenzungen bewegen, etwa wenn Vertreter dieses Genres sich für ihn als Präsidenten aussprachen. Ebenso lange fällt Trump damit auf, dass er auf seinem Lieblingskanal Twitter immer mal wieder Botschaften aus diesem Lager selbst weiterverbreitet oder mit Wohlgefallen belohnt. Und der eigene Rassismus war früh der Kern seiner Bewerbung für die Präsidentschaft, angefangen mit den Tiraden gegen Mexikaner, die alle Vergewaltiger seien und nur Verbrechen und Drogen in die USA brächten.

Das kurz vor dem Massaker in Texas veröffentlichte Manifest, das dem mutmaßlichen Täter zugeschrieben wird, spricht von einer "hispanischen Invasion" in dem Bundesstaat, auf den der Angriff die Antwort sei – El Paso liegt direkt an der Grenze zu dem Nachbarland der USA, der 24-Jährige stammt aus dem rund 1.000 Kilometer entfernten Dallas. Von "ethischer Vertreibung" ist da die Rede, von "Rassenmischung" und "Eindringlingen". Die vier Seiten beginnen mit einer Sympathiebekundung für den Attentäter, der im neuseeländischen Christchurch Mitte März zwei Moscheen angegriffen und 51 Menschen erschossen hatte, berichten US-Medien. In den sozialen Medien soll der Täter von El Paso die Mauerbaupläne an der mexikanischen Grenze gelobt haben, seinem möglichen Profil auf Twitter soll auch ein treffendes Bild gefallen haben, aus Waffen sind dort fünf Buchstaben zusammengelegt: TRUMP.

Dem Präsidenten mit diesem Namen ist das Vokabular seines offensichtlichen Bewunderers nicht fremd. Immer wieder hat er in drastischen Schilderungen die Lage an der Grenze im Süden beschrieben und in einer Rede im März eben auch dies gesagt: "Die Leute hassen das Wort Invasion, aber genau das ist es." In den vergangenen Wochen hat Trump die Schlagzahl seiner rassistischen Hetzereien auch wieder merklich erhöht. Was er damit anrichtet, lässt sich schwer fassen: Von seiner Hetze zu echter Gewalt lässt sich kaum eine gerade Linie ziehen, ihm bleibt immer ein "So war das ja nicht gemeint". Doch er hat das politische und gesellschaftliche Klima im Land verändert: Von der Verschiebung des Sagbaren zur Eskalation dessen, was rassistische Nationalisten für notwendig halten, muss der Weg nicht lang sein.

Ein Grund für die Konjunktur der Hassrhetorik mag sein, dass dieser US-Präsident tatsächlich der bösartige weiße alte Mann ist, zu dem er auch nicht erst im Amt geworden ist: Seine immer wieder ausgrenzenden und menschenverachtenden Widerlichkeiten können niemanden überraschen, der ihm vor der Wahl zugehört hat. Aber es hat eben auch funktioniert, den johlenden Massen bei seinen Auftritten die hässliche Seite zu zeigen, die womöglich ohnehin die einzig wahre ist. Und Trump wird glauben, dass es wieder so gehen könnte. Jetzt, wo er um seine Wiederwahl fürchten muss, soll die bewährte Strategie einmal mehr die Basis zusammenschweißen. Dass ihm das tatsächlich hilft, ist längst nicht gesagt – zumindest ist die Wahl die beste Chance, diesem Horror im Weißen Haus endlich ein Ende zu setzen. Die vielen verbohrten Radikalen da draußen, die sich von Trump bestätigt fühlen müssen, wird das nicht verschwinden lassen. Und an Waffen kommen sie vorerst wohl auch leicht genug.