Die EU hat die Bulgarin Kristalina Georgiewa zur gemeinsamen Kandidatin für die Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF) ernannt. Das teilte der französische Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire in Paris mit. Damit setzte sich Georgiewa gegen den früheren Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem aus den Niederlanden durch. Er gratulierte ihr am Abend auf Twitter und wünschte ihr "den größtmöglichen Erfolg". Auch EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker sendete über den Kurznachrichtendienst seine Glückwünsche.

Sie fühle sich "geehrt" über ihre Nominierung, schrieb die 65-Jährige auf Twitter. Georgiewa führt derzeit die Geschäfte der Weltbank in Washington. Weltbank-Präsident David Malpass erklärte, Georgiewa lasse ihren Posten nun auf eigenen Wunsch bis zur Bestätigung als IWF-Chefin ruhen. Ihre Nominierung reflektiere ihre Kompetenz in Sachen Wirtschaft, Finanzen und Entwicklungspolitik, sagte der US-Amerikaner weiter. Zuvor war Georgiewa mehrere Jahre lang EU-Kommissarin in Brüssel.

Brexit-Kandidat Großbritannien enthielt sich

Le Maire, der die Verhandlungen geleitet hatte, lobte die Einigung der EU-Minister. Georgiewa habe die Kompetenzen, die Erfahrung und die internationale Glaubwürdigkeit, um Lagarde nachzufolgen und mit Talent den IWF zu führen.

Bei der EU-internen Abstimmung setzte sich Georgieva laut einem Diplomaten mit deutlichem Vorsprung durch. Demnach erhielt sie die Unterstützung von 56 Prozent der Länder, die 57 Prozent der EU-Bevölkerung repräsentieren. Damit verpasste sie allerdings die qualifizierte Mehrheit, die eine Zustimmung von mindestens 55 Prozent der Mitgliedsländer vorsieht, die 65 Prozent der 500 Millionen EU-Bürger repräsentieren.

Die Bulgarin wurde von Frankreich und den südeuropäischen Ländern unterstützt, der Niederländer unter anderem von Deutschland. Großbritannien, das die Europäische Union zum 31. Oktober verlassen will, nahm nicht an der Abstimmung teil. Um IWF-Chefin zu werden, braucht Georgieva noch die Zustimmung der übrigen IWF-Mitglieder. Derzeit darf der IWF-Chef zur Zeit seiner Nominierung allerdings nicht älter als 65 Jahre sein. Das würde eine Nominierung Georgievas ausschließen, die am 13. August 1953 geboren wurde. Die anderen IWF-Mitglieder müssten für sie eine Ausnahme machen.

Nach Wunsch der Europäer würde Georgiewa damit Nachfolgerin der Französin Christine Lagarde, die an die Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) wechseln soll. Die Führung des Weltwährungsfonds mit Sitz in Washington ist traditionell in europäischer Hand; die Weltbank wird hingegen meist von US-Amerikanern geleitet. Erklärtes Ziel der Europäer war es, eine gemeinsame Kandidatin zu präsentieren, die weitreichende Erfahrungen auf dem Gebiet der internationalen Finanzbeziehungen hat.

Zuvor war der finnische Zentralbankchef Olli Rehn ausgeschieden. Auch die beiden südeuropäischen Bewerber stiegen aus: der portugiesische Eurogruppenchef Mario Centeno und die spanische Wirtschaftsministerin Nadia Calviño. Die Eurogruppe vereint die Finanzminister der 19 Euroländer und ist ein mächtiges Brüsseler Gremium.

Der IWF wurde gemeinsam mit der Weltbank zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 gegründet. Er soll als weltweites Gremium darüber wachen, dass keine großen Währungsturbulenzen entstehen und zu politischen Unwägbarkeiten führen. Unter anderem vergibt er Kredite an überschuldete und in Zahlungsschwierigkeiten geratene Staaten. Derzeit gehören 189 Mitgliedstaaten der Organisation an.