In einem Waldstück ganz im Norden von Serbien wartet im Dezember 2016 eine Gruppe von Afghanen: Sie haben vor, unerlaubt die Grenze zu Ungarn und damit zur EU zu übertreten. Doch ungarische Polizisten werden auf die Flüchtlinge aufmerksam. Die Grenzschützer, so erzählt es einer der Jugendlichen später UN-Flüchtlingshelfern, hätten zuerst Hunde auf die Gruppe gehetzt, dann seien sie selbst nähergekommen. Sie hätten mit Pfefferspray gesprüht und ihn und seine Leute geschlagen.

Solche Menschenrechtsverletzungen passieren immer wieder an der ungarisch-serbischen Grenze – und das, wie Recherchen des ARD-Magazins report München, von Correctiv und anderen Medien ergeben haben, sogar unter den Augen der EU-Grenzsicherung Frontex. Die Behörde wurde eigens eingesetzt, um die Arbeit der nationalen Grenzpolizisten an den europäischen Außengrenzen zu unterstützen. Diesem Auftrag wird Frontex laut den aktuellen Recherchen nicht gerecht – im Gegenteil: Sogar eigene Mitarbeiter sollen die Richtlinien des Hauses missachtet und Minderjährige ohne Begleitung von Erwachsenen abgeschoben haben.

Ist die Behörde, die von den Mitgliedsstaaten zuletzt mit immer mehr Mitteln und Personal ausgestattet wurde, überfordert? Hat sie alle Warnungen ignoriert, dass Frontex im Zuge des Umbaus die Kontrolle über die Einhaltung von Grundrechten verlieren könnte? "Wenn Frontex mehr Aufgaben beim europäischen Grenzschutz übernehmen soll, muss sich die Grenzschutzagentur auch zur Verantwortung ziehen lassen", hatte die deutsche EU-Abgeordnete der Grünen Ska Keller etwa im Februar gewarnt.

Milliarden- statt Millionenbudget

Seit 2005 gibt es die Grenzschutzagentur, doch vor allem seit den hohen Migrationszahlen der vergangenen Jahre hat sich die Behörde sehr verändert. 370 Mitarbeiter und ein Jahresbudget von 142 Millionen Euro zählte Frontex vor vier Jahren – heute sind es 1.500 Mitarbeiter und 330 Millionen Euro. Die Agentur soll die nationalen Grenzpolizeien der EU-Länder beraten und unterstützen, darf aber nicht selbst eingreifen. Ihre Mitarbeiter rekrutiert sie vor allem aus den Polizeien der Mitgliedsstaaten. Aus Deutschland sind 105 Einsatzkräfte der Bundes- und Länderpolizei und des Zolls im Einsatz, vor allem in Griechenland und Bulgarien.

Angesichts des wachsenden Migrationsdrucks gen Europa entschied die EU 2016, ihre Grenzschutzagentur zu reformieren. Neben mehr Budget und mehr Personal erhielt Frontex das Recht, auch eigenständig zu handeln – etwa Einreisen zu verweigern oder Patrouillen zu fahren. Frontex-Chef Fabrice Leggeri bezeichnete dies einmal als den ersten Schritt hin zu einer "echten EU-Grenzpolizei" – wovon die Agentur allerdings noch weit entfernt ist.

Die EU-Mitgliedsländer kommen dem Umbau kaum hinterher. Frontex kritisierte, dass sie zu wenig zusätzliche Mitarbeiter für die gemeinsamen Einsätze abstellen würden. Trotzdem entschied die EU erst im vergangenen Jahr, die Agentur erneut aufzustocken: Bis 2027 soll Frontex auf 10.000 Einsatzkräfte wachsen und ein Milliardenbudget erhalten. Die designierte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen setzte sogar noch eins drauf und kündigte an, sie würde das Ziel gerne schon bis 2024 erreichen.