Greta Thunberg hat einen langen Weg hinter sich. Vor einem Jahr begann die schwedische Schülerin ihren Klimastreik und gab den Anstoß für eine internationale Jugendbewegung. 15 Tage hat sie an Bord einer Segeljacht verbracht, um möglichst emissionsfrei den Atlantik zu überqueren und ihre Botschaft zu den Vereinten Nationen in New York zu bringen. Nun ist sie am Ziel.

In der Finanzmetropole an der Ostküste der USA freut man sich am Mittwoch über Thunbergs Ankunft. Rund 300 Unterstützerinnen und Unterstützer sowie zwei Dutzend Kamerateams haben sich versammelt, um Thunberg in Empfang zu nehmen. "Meine Mutter hat mir von Greta erzählt", sagt der 11-jährige Oscar Buchannon, der an einem Gitter nahe des Anlegestegs lehnt, ZEIT ONLINE. "Ich mag, wie engagiert sie sich für unser Klima einsetzt. Gerade jetzt, wo die Eiskappen schmelzen und der Amazonas brennt, ist das wichtig." Seine Mutter Chloe, 37, pflichtet ihm bei: "Wir brauchen starke Führungsfiguren, um dem Thema Aufmerksamkeit zu verschaffen."

Doch in der neuen Welt dürfte Thunberg einiges fremd erscheinen, denn der Klimaaktivismus funktioniert in den USA anders als auf dem alten Kontinent. Die Unterschiede fangen schon bei der sozialen Zusammensetzung der Bewegung an. Die deutschen Fridays-for-Future-Aktivisten sind laut einer Befragung des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (IPB) von Mitte März beispielsweise überwiegend weiblich, gut gebildet, kommen häufig aus Haushalten der oberen Mittelschicht und haben weit seltener als die Durchschnittsbevölkerung einen Migrationshintergrund. Zieht man diese Indikatoren zusammen, ergibt sich das Bild einer Bewegung gut situierter, bürgerlicher Jugendlicher. Thunberg selbst entstammt einer Künstlerfamilie.

Zwar gibt es keine Erhebung zur Demografie der US-amerikanischen Schwesterbewegung Youth Climate Strike US, jedoch deuten schon die Anführer auf mehr gesellschaftliche Breite. Die Geschäftsführerin Isra Hirsi (16) ist die Tochter der aus Somalia geflüchteten US-Kongressabgeordneten Ilhan Omar, der US-Präsident Trump vor einigen Wochen die Ausreise nahelegte. Auch die meisten anderen Mitglieder des fünfköpfigen Leitungsteams gehören ethnischen Minderheiten an.

Klimawandel trifft die Ärmsten stärker

Auch die Anliegen unterscheiden sich in den USA und Deutschland erheblich. Vom deutschen Ableger der Fridays-for-Future-Bewegung werden soziale Fragen zur klimafreundlicheren Transformation von Wirtschaft und Transport nur am Rande adressiert. Im online einsehbaren Forderungskatalog heißt es lediglich: Die Verwirklichung der klimapolitischen Forderungen müsse "sozial verträglich gestaltet werden und darf keinesfalls einseitig zu Lasten von Menschen mit geringem Einkommen gehen".

Greta Thunberg - “Donald Trump, hören Sie auf die Wissenschaft” Nach der Ankunft in New York sagte die Klimaaktivistin Greta Thunberg, sie habe nur eine Botschaft an den US-Präsidenten. Donald Trump solle der Wissenschaft zuhören. © Foto: Mary Altaffer/dpa

In den USA dagegen verbinden Umweltaktivisten klimapolitische Forderungen stärker mit Verteilungsfragen. Denn von den Folgen des Klimawandels sind in den USA arme Bevölkerungsgruppen besonders stark betroffen – und arm sind besonders häufig Schwarze und Latinos. Bei Naturkatastrophen wie Überschwemmungen sind es oft die Stadtgebiete, in denen Minderheiten wohnen, die am schlechtesten vorbereitet sind und die in Überflutungsgebieten liegen. Im Gegensatz dazu werden in Miami derzeit ganze schwarze Stadtviertel gentrifiziert, weil sie höher liegen und so vor dem steigenden Meeresspiegel und Überschwemmungen geschützt sind.

Breiter Katalog sozialpolitischer Anliegen

Craig Morris hat bei US-Klimaaktivisten ebenfalls eine stärkere Orientierung an sozialen Themen beobachtet. Der 50-Jährige stammt aus den USA, lebt aber bereits seit 1992 in Deutschland. Morris arbeitet als Berater für die wirtschaftsnahe Agentur für erneuerbare Energien, hat ein Buch über die deutsche Energiewende geschrieben und kennt den Klimaaktivismus in beiden Ländern. "In den USA sind Fragen des Wandels – zum Beispiel der Infrastruktur – immer auch mit sozialen und ethnischen Fragen verbunden, weil man die Infrastruktur meistens in armen – auch schwarzen – Gegenden errichtet. Zum Beispiel heißt die Strecke zwischen Baton Rouge und New Orleans Cancer Alley (Krebsstraße), weil dort so viele Chemie und Raffinerien stehen", sagt Morris. Armen Leuten werde in den USA zudem viel häufiger der Strom abgestellt, wenn sie ihre Rechnungen nicht bezahlen können, als in Deutschland. "Natürlich ist für diese Communitys wichtig, dass eine klimapolitische Erneuerung mit alternativer Infrastruktur und neuen Energieträgern nicht auf ihre Kosten geht", sagt Morris.

Climate Strike US fordert folgerichtig gleich zu Beginn ihres Manifests, dass sämtliche Maßnahmen gegen den Klimawandel "marginalisierte Bevölkerungsgruppen" wie Arme oder Schwarze besonders berücksichtigen müssen. Überhaupt sind fast alle klimapolitischen Forderungen in einen breiten Katalog sozialpolitischer Anliegen eingebunden.