Ein ungeregelter Brexit könnte dramatische Folgen für die Bevölkerung in Großbritannien haben. Das sagen Brexit-Gegner seit Monaten – und nun offenbar auch die britische Regierung selbst. Angeblich rechne Großbritannien mit einem Mangel an Lebensmitteln, Medikamenten und Benzin. Außerdem gehe die Regierung von einem mehrmonatigen Zusammenbruch in den Häfen, einer harten Grenze zur Republik Irland und steigenden Sozialkosten aus.

Das berichtet die Sunday Times und beruft sich auf bislang geheim gehaltene Dokumente der Regierungsstudie Operation Yellowhammer. Das Büro von Premierminister Boris Johnson erklärte, man nehme zu durchgestochenen Dokumenten keine Stellung. Mitglieder der britischen Regierung bezeichneten die Befürchtungen als übertrieben. Energieminister Kwasi Kwarteng sprach von "Angstmacherei". Michael Gove, der für die No-Deal-Planungen zuständig ist, sagte, das Schreiben befasse sich lediglich mit dem schlimmsten anzunehmenden Fall.

Dagegen schreibt die Sunday Times unter Berufung auf eine nicht genannte Regierungsquelle, das Dokument beschreibe "die realistischste Einschätzung der Folgen", falls sich Großbritannien und die EU nicht auf einen geregelten Brexit einigen können. Diese Szenarien seien sehr wahrscheinlich und "nicht der schlimmste Fall".

Operation Yellowhammer zeichnet das Bild eines Landes, das im Chaos versinken könnte. Der Sunday Times zufolge geht die Studie davon aus, dass sich in Südengland wegen der Zollkontrollen Megastaus bilden könnten. Davon wäre auch der Lieferverkehr betroffen, deshalb könnten weniger frische Lebensmittel vom europäischen Festland nach Großbritannien eingeführt werden. Britische Patienten müssten länger auf wichtige Arzneimittel wie Insulin und Impfstoffe gegen Grippe warten.

Ein ungeregelter Ausstieg führe auch zu Verzögerungen für Passagiere an EU-Flughäfen, im Eurotunnel und in der Hafenstadt Dover am Ärmelkanal. Deshalb rechne die britische Regierung mit heftigen Protesten an der Grenze zwischen der Republik Irland und dem britischen Nordirland.

Mehr als 100 Abgeordnete riefen am Wochenende Premierminister Boris Johnson in einem Brief dazu auf, das Parlament umgehend aus der Sommerpause zu holen. Das Unterhaus tagt regulär erst wieder im September. Es wird immer wahrscheinlicher, dass Großbritannien Ende Oktober ohne Abkommen aus der Europäischen Union ausscheidet. Das Parlament ist im Brexit-Kurs nach wie vor zerstritten, eine Lösung ist nicht in Sicht.

Johnson fordert Nachverhandlungen des Brexit-Abkommens, das seine Vorgängerin Theresa May noch mit Brüssel ausgehandelt hat. Notfalls will er sein Land ohne Deal aus der Staatengemeinschaft führen. Änderungen lehnt die EU aber ab. May war dreimal mit dem Abkommen im Parlament in London durchgefallen und gab ihr Amt auf.