Wenn der britische Premierminister Boris Johnson am Mittwoch erstmals in neuer Position nach Deutschland reist, kann er in der Causa Brexit nicht viel Unterstützung erwarten. Denn alles deutet darauf hin, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrer Überzeugung bleibt: Der Austrittsvertrag wird nicht neu verhandelt.  

Ganz offensichtlich geht man in der britischen Regierung aber ohnehin bereits von einem No Deal aus. Aus Kreisen der britischen Regierung wurde der Sunday Times ein vertrauliches Dossier des Kabinetts zugespielt, das den Ernst der Lage zeigt: Downing Street rechnet damit, dass die EU Großbritannien ab dem 1. November konsequent als "Drittstaat" behandelt – mit gravierenden wirtschaftlichen und politischen Folgen. 

Tatsächlich würden alle Lizenzen und Genehmigungen, die innerhalb der EU gelten, von einem auf den anderen Tag die Gültigkeit verlieren. Für alle Waren müssten detaillierte Zoll- und Lieferantenerklärungen erstellt werden, für viele Chemikalien und Arzneimittel würden neue Einfuhrgenehmigungen gelten – ein Prozedere, das die exportabhängige Industrie schnell an die Grenzen bringen würde.  

Selbst die britische Regierung geht daher von gravierenden Konsequenzen aus: dass die zeitraubenden Kontrollen der Lastwagen an den Grenzen gravierende Folgen für den grenzüberschreitenden Handel haben werden. Zwar können britische Unternehmen einen sogenannten AEO-Status beantragen, der eine vereinfachte Abfertigung an der Grenze erlaubt. Dies gilt aber in der Regel nur für Unternehmen, die regelmäßig grenzüberschreitend handeln. Vor allem die kleineren Exporteure wären angesichts dieses neuen bürokratischen Aktes allerdings völlig überfordert.  

Der Anfang einer ganzen Kaskade von Konsequenzen

Mark Carney, Notenbankgouverneur der Bank von England, schätzte im Juni, dass 150.000 der 250.000 britischen Exporteure nicht vorbereitet seien. Das Dossier der Regierung zeigt nach Angaben der Sunday Times auf, wie dramatisch die Lage wirklich ist: Demzufolge rechnet man damit, dass nach einem No-Deal-Brexit bis zu 85 Prozent der Lastwagen auf der Handelsroute über den Kanal mit falschen Unterlagen anreisen würden – und dies eine verzögerte Abfertigung von bis zu 2,5 Tagen auslösen könne. Bis zu drei Monate werde es wohl dauern, bis 50 bis 70 Prozent des bisherigen Verkehrsvolumens erreicht werden, heißt es in dem Dokument.

"ACT NOW", lautet denn auch die Warnung auf der Website des Verbands der britischen Speditionen, der Road Haulage Association (RHA). Wer mit dem Lastwagen am 1. November ohne korrekte Papiere erscheine, werde nicht abgefertigt. Nicht umsonst plant die Regierung schon lange daran, wie und wo genau die wartenden Lastwagen parken sollen. Lange Staus sind zu erwarten, zumal an dem Wochenende, an dem der Brexit voraussichtlich vollzogen wird, auch noch die britischen Herbstferien enden.

Wegen der Verzögerung an den Grenzen kommen die Lastwagen natürlich auch verspätet in der EU an und können ihre dort bestellten Waren nicht pünktlich einsammeln. Das wiederum bringt die Lagerkapazitäten an ihre Grenzen, denn nicht alles kann auf Vorrat gestapelt werden. Erstens sind viele Lager prall gefüllt. Zweitens gibt es – ganz abgesehen von frischen Lebensmitteln – auch viele andere Güter, die nicht endlos gelagert werden können, Pharmaprodukte wie Insulin beispielsweise, aber auch viele Chemikalien und Substanzen für die Lebensmittelproduktion. Die Konsequenzen für die britischen Bürger liegen auf der Hand: Es muss mit Engpässen bei der Versorgung mit frischen Lebensmitteln, medizinischen Präparaten, ja, sogar mit Chemikalien für die Frischwasserzubereitung gerechnet werden. Und dabei beschreibt das Dossier nicht einmal das Katastrophenszenario, für das auch Vorbereitungen laufen. Es läuft unter dem Codenamen "Schwarzer Schwan". 

Der britische Markt ist EU-Konzernen nicht wichtig genug

Schon heute wirft der No-Deal-Brexit seine Schatten voraus. "Nein, diese Woche gibt es keinen Knoblauch, auch nächste Woche nicht", heißt es derzeit vielerorts im Supermarkt. Man wechsle gerade den spanischen Lieferanten. Und der Supermarkt Asda beispielsweise verkauft plötzlich massenweise Reis in großen Säcken ebenso wie extragroße Flaschen Olivenöl. Die Leute bunkern, der Handel stellt sich auf den No Deal um.  

So wird langsam auch dem letzten Optimisten klar, dass die Prophezeiungen der Anhänger eines harten Brexits wohl doch nicht so eintreten, wie man vielleicht gehofft hatte. "Die Deutschen wollen hier ihre Autos verkaufen und ihre pharmazeutischen und chemischen Produkte. Die werden Berlin schon sagen, dass die EU einen Deal mit uns abschließen muss", hatte etwa Sir John Redwood, konservativer Abgeordneter und Verfechter eines No-Deal-Brexits, noch im Mai abgewiegelt. Nun scheint es aber doch ganz anders zu kommen.  

"Warum sollen wir auf Boris Johnson eingehen, wenn wir Theresa May, die viel diplomatischer war, nicht weiter entgegenkommen konnten?", heißt es etwa in Kreisen eines deutschen Chemiekonzerns, der in Großbritannien produziert. Der britische Markt sei wichtig, aber im Konzernverbund schlicht nicht so bedeutend, als dass man deshalb auf Berlin politischen Druck ausüben müsse. "Asien ist interessanter", heißt es. Wichtig sei vor allem, den Binnenmarkt mit all seinen Regeln intakt zu halten. "Da überschätzen sich die Briten." Ein deutsches Unternehmen, das Geräte für Landschaftspflege und Gartenbau nach Großbritannien exportiert, ist ähnlicher Meinung. "Großbritannien ist für uns ein guter Markt. Wir werden dort weiter investieren", heißt es bei der Firma. Aber deshalb nachgeben? Nein.