Am Freitag ist der INF-Abrüstungsvertrag ausgelaufen, der 32 Jahre lang ein Eckstein der europäischen Sicherheit gewesen ist. Michail Gorbatschow und Ronald Reagan hatten das Abkommen im Dezember 1987 im Weißen Haus unterzeichnet. In den folgenden vier Jahren wurden alle Mittelstreckenraketen und Marschflugkörper im Reichweitenband von 500 bis 5.500 Kilometern in Europa verschrottet, 2.692 Trägerwaffen insgesamt, davon 1.846 auf sowjetischer Seite, 846 auf amerikanischer. Seit 2010 werfen die USA und Russland einander die Verletzung des Abkommens vor. Anfang Februar kündigte Donald Trump es auf, Wladimir Putin nahm sein Auslaufen ungerührt hin.

Über die Hintergründe und Auswirkungen des INF-Endes ist in den vergangenen Tagen viel geschrieben worden. Wachsende geopolitische Instabilität, ein neues nukleares Wettrüsten anstelle verstärkter Rüstungskontrolle beklagten die Kommentatoren. Dabei ging so gut wie unter, dass mit dem Untergang des INF-Vertrags eine historische Errungenschaft Helmut Schmidts in der Abfalltonne der Geschichte landete. Letztlich war er der Urheber der nunmehr aufgehobenen Übereinkunft. Er war nie der atomwaffensüchtige Politiker, als den ihn die Panikmacher in seiner eigenen Partei und in der Friedensbewegung hinstellten. Die "Kämpfer gegen den Atomtod" verkannten ihn völlig.

Schmidt hatte 1953 als Verkehrsexperte im Bundestag begonnen, doch bald mauserte er sich zum Verteidigungsexperten. Zunächst ging es ihm vor allem um die Einordnung der Bundeswehr in das demokratische Verfassungsgefüge der jungen Bundesrepublik, dann aber rückte der Zusammenhang von Verteidigung und nuklearer Abschreckung ins Zentrum seines Denkens. Verteidigung oder Vergeltung hieß sein 1962 veröffentlichtes erstes Buch zur Sicherheitspolitik; das zweite erschien unter dem Titel Strategie des Gleichgewichts im Frühjahr 1969 – wenige Monate bevor er Verteidigungsminister wurde.

Für eine "nicht-selbstmörderische Form der Verteidigung"

Inzwischen hatte sich Schmidt als Sicherheitspolitiker einen Namen gemacht. Die Doktrin der massiven Vergeltung lehnte er entschieden ab; er plädierte für eine "nicht-selbstmörderische Form der Verteidigung". Doch auch von der Strategie der "flexiblen Erwiderung", die das Konzept der massiven Vergeltung ablöste, hielt er nichts. Die Unterscheidung zwischen "strategischen" und "taktischen" Atomwaffen (von denen 7.000 in den Nato-Arsenalen auf dem Bundesgebiet lagerten) nannte er "erkünstelt". Das Bündnis bereite sich auf den Kalten Krieg vor, argumentierte er, da "jeder denkbare Fall eines Krieges zur Dezimierung der europäischen Völker und vornehmlich des deutschen Volkes führen würde".

"Ich hielt es für völlig unrealistisch zu glauben", schrieb Schmidt rückblickend, "dass unsere Soldaten weiterhin kämpfen würden, nachdem die ersten nuklearen Waffen auf deutschem Gebiet explodiert sein würden". Einige Jahre vor seinem Tod sagte er mir: "Ich habe nie darüber geschrieben und auch nicht darüber geredet, aber meine innere Überzeugung muss spätestens mit der Übernahme des Oberbefehls so gewesen sein, dass ich für den Fall, dass auf deutschem Boden die erste Atomwaffe explodiert, bereit war, die weiße Fahne aufzuziehen." Er hätte sich "genau so verhalten wie Kaiser Hirohito"; das war seine "japanische Option". Er setzte hinzu, sein Generalinspekteur Ulrich de Maizière habe das nicht gewusst. "Das wusste auch Loki nicht."

Als Helmut Schmidt Bundesminister der Verteidigung wurde, betraute er mich mit der Leitung des Planungsstabs auf der Hardthöhe. So habe ich aus nächster Nähe miterlebt, wie er eine seiner ersten Entscheidungen im Amt ganz nach der Logik seiner Grundeinstellung traf. Die Amerikaner planten damals, entlang der Zonengrenze einen Gürtel von rund 200 Atomminen zu verlegen, die bei einem sowjetischen Angriff gleichsam automatisch hochgehen sollten; deren unterschiedliche Sprengkraft reichte bis zu 20 Kilotonnen, der doppelten Explosionskraft der Hiroshima-Bombe. Von Deutschland, West wie Ost, wäre im Einsatzfall nicht viel übrig geblieben. Die ersten Atomminen waren bereits installiert. Als Schmidt davon erfuhr, wandte er sich umgehend an den amerikanischen Verteidigungsminister Melvin Laird. Ihm legte er eindringlich dar: "Wenn die erste Atommine auf deutschem Boden gezündet wird, werden die Deutschen nicht auf Nagasaki warten, sondern schon nach Hiroshima die Hände heben." Unbemerkt von der Öffentlichkeit begruben die beiden Minister den Plan und schafften das Teufelszeug wieder aus der Welt.

Den nächsten Markstein der westlichen Atomstrategie setzte Helmut Schmidt im Jahre 1977. Damals beunruhigte ihn, der inzwischen Bundeskanzler war, der ständige Ausbau des sowjetischen SS-20-Arsenals. Die Reichweite dieser Rakete betrug 4.400 Kilometer, jede war mit drei Gefechtsköpfen von 150 bis 180 Kilotonnen Sprengkraft bestückt. In Schmidts Augen beschwor die SS-20 ein eurostrategisches Ungleichgewicht herauf. Zehn Tage nach der Befreiung der gekaperten Landshut in Mogadischu und der Ermordung Hanns Martin Schleyers im Oktober 1977 verlieh Helmut Schmidt beim Londoner Institute for Strategic Studies seiner Beunruhigung darüber Ausdruck, dass der amerikanische Präsident Carter keine Anstalten machte, die neue Bedrohung bei den amerikanisch-sowjetischen SALT-Gesprächen zum Verhandlungsgegenstand zu machen. Das Sicherheitsbedürfnis der westeuropäischen Bündnispartner erfordere jedoch eine Ausweitung der Rüstungsbeschränkung über den amerikanisch-sowjetischen Rahmen hinaus.

Aus dieser Anregung wurde 1979 der hierzulande viel umstrittene Nato-Doppelbeschluss: einerseits im Notfall Aufstellung von 108 Pershing-II-Mittelstreckenraketen und 464 Marschflugkörpern in fünf europäischen Ländern; andererseits Rüstungskontrollverhandlungen mit den Sowjets und bei deren Verzicht auf die SS-20 keine Aufstellung von Pershings und Cruise-Missiles.

Später Triumph

Helmut Schmidt hat es nicht mehr im Kanzleramt erlebt, dass seine Bemühungen Früchte trugen. Die Verhandlungen mit der Sowjetunion verliefen zunächst ergebnislos, sodass der Westen ab 1983 nachrüstete. Aber vier Jahre später ließ sich Michail Gorbatschow auf die von Helmut Schmidt von allem Anfang an erstrebte Null-Lösung ein. Für den Altkanzler war es – zehn Jahre nach seiner Londoner Rede, fünf Jahre nach seinem Sturz – ein großer, wiewohl später Triumph. Die Geschichte hat ihm recht gegeben; auch seinem Nachfolger Helmut Kohl, der das Projekt unbeirrt durchzog.

Das Atomthema beschäftigte noch den über 90-jährigen Schmidt. Einerseits machte er sich Sorgen über die Ausbreitung nuklearer Waffen auf weitere Staaten. Andererseits schloss er sich mit Richard von Weizsäcker, Hans-Dietrich Genscher und Egon Bahr der Abrüstungsinitiative von vier amerikanischen Veteranen des Kalten Kriegs an, darunter die beiden früheren US-Außenminister Henry Kissinger und George Shultz, der Ex-Verteidigungsminister William Perry und der frühere Senator Sam Nunn. Ihr Ziel war und ist Global Zero, eine atomwaffenfreie Welt. Illusionen machte sich Helmut Schmidt freilich nicht. Kurz vor seinem Tode sagte er: "Es ist realistisch, auch für die Zukunft mit der Existenz nuklearer Waffen zu rechnen. Es ist ebenso realistisch, für ihre weitgehende Verringerung einzutreten." Gegen das aberwitzige neue Wettrüsten, das sich derzeit am internationalen Horizont abzeichnet, würde er sich leidenschaftlich wehren.