Willy Lam ist außerordentlicher Professor für Chinastudien an der Universität Hongkong. Lam, der selbst auch in Hongkong auf der Straße protestiert hat, gilt als einer renommiertesten Kenner der chinesischen Elite, der kommunistischen Partei und von deren Führer Xi Jinping.

ZEIT ONLINE: Herr Lam, die Krise in Hongkong wird von Tag zu Tag gefährlicher. Warum zeigt die Regierung Hongkongs nicht etwas guten Willen und kommt Forderungen der Protestierenden entgegen, um die Krise zu entschärfen? 

Williy Lam: Das ist sehr schwierig. Die chinesische Regierung hat das Vertrauen in Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam verloren, sie ist eine Lame Duck geworden. Für alle Fragen bezüglich Hongkongs, dazu zählen auch Konzessionen gegenüber der Protestbewegung, muss sie Peking konsultieren. Und die augenblickliche Politik von Chinas Präsident und KP-Chef Xi Jinping ist, keine Kompromisse einzugehen. Er geht davon aus, dass die Demonstranten immer aggressiver und gewalttätiger werden, dass es mehr Straßenschlachten mit der Hongkonger Polizei geben wird. Für Peking wäre das genau der richtige Vorwand, die Bewegung niederzuschlagen.

ZEIT ONLINE: Wird Xi Jinping in diesem Fall die Armee schicken?

Lam: Es gibt Spekulationen, dass Xi die 6.000 Mann starke Hongkong-Garnison der Volksbefreiungsarmee in Marsch setzen würde. Ich glaube aber, dass er anstatt der Soldaten die paramilitärische Volkspolizei aus der chinesischen Nachbarprovinz Guangdong schicken wird, die People's Armed Police (PAP). Soldaten der Volksbefreiungsarmee einzusetzen, wäre ein schwerer Schlag gegen das herrschende Prinzip "Ein Land, zwei Systeme" über das Verhältnis zwischen Hongkong und China. Würde das geschehen, bräche der Aktienmarkt ein und die Wirtschaft Hongkongs würde erheblichen Schaden nehmen, was auch direkte Auswirkungen auf China hat.

ZEIT ONLINE: Sind bereits Polizisten aus Guangdong in Hongkong?

Lam: Ja, Xi Jinping hat rund 1.000 Polizeibeamte aus Guangdong in der Stadt eingesetzt, normale Polizei und PAP. Die sprechen alle Kantonesisch, die Sprache der Stadt, und tragen dann die Uniformen der Hongkonger Polizei. Ich nehme an, dass die Sicherheitskräfte aus Hongkong und Guangdong zusammen die Proteste würden unterdrücken können. Es sind bereits 400 bis 500 Demonstranten festgenommen worden und es könnten noch mal 500 weitere verhaftet werden. Die Protestierenden sollen Angst bekommen.

ZEIT ONLINE: Wie unterscheiden sich die Proteste heute von der Occupy-Central-Bewegung vor fünf Jahren?

Lam: Im Gegensatz zu 2014 sind die Organisatoren der Proteste heute weitgehend unsichtbar. Das ermöglicht den Demonstranten eine Art von Guerillataktik, indem sie ständig den Standort wechseln. Auf der anderen Seite gibt es aber keine einheitliche Führungsstruktur, was dazu beiträgt, dass die Protestierenden manchmal Fehler machen. Die fast eine Woche anhaltende Besetzung des Flughafens war meiner Ansicht nach so einer. Die Mehrheit der Hongkonger war nicht erfreut darüber. Die Protestierenden besetzen auch Tunnel und Highways und wenn sie damit zu weit gehen, könnte sich die öffentliche Meinung der Stadt gegen sie wenden. Das ist genau das, was Peking sich erhofft.

ZEIT ONLINE: In China an der Grenze von Shenzhen zu Hongkong sind vor ein paar Tagen Truppen aufmarschiert. Wollen die in Hongkong einmarschieren oder ist das mehr ein Bluff?

Lam: Es ist psychologische Kriegsführung. Das ist die paramilitärische Volkspolizei, die dort zusammengezogen wurde. Mit ihren Übungen dort will die PAP die Hongkonger einschüchtern, ihnen Angst machen. 

ZEIT ONLINE: Was denken Sie: Wie viele Menschen werden auf der für den nächsten Sonntag angekündigten Demo auf die Straße gehen?

Lam: 300.000 vielleicht, oder 400.000. Die Protestler hatten ursprünglich einen Demonstrationszug beantragt, aber die Polizei hat nur ein Sit-in im Victoria Park genehmigt. Der Park ist klein, die Leute werden deswegen trotzdem losziehen, was dann illegal ist. Es wird hässliche Konfrontationen geben, manche werden versuchen, Polizeistationen zu attackieren, Hauptverkehrsstraßen werden blockiert und so weiter.

ZEIT ONLINE: Wie wird die Polizei sich verhalten?

Lam: Es könnte auf beiden Seiten viel Gewalt geben. Die Polizei Hongkongs geht besonders gewalttätig gegen die Demonstranten vor und hat dabei die Unterstützung Xi Jinpings. Peking hat der Polizei zugesichert, dass es keine unabhängige Untersuchungskommission zur Polizeigewalt geben wird, eine der Hauptforderungen der Demonstranten.

ZEIT ONLINE: Lassen Sie uns auf die Perspektive Chinas eingehen. Auf dem Festland hat sich ein Gerücht verbreitet: Eine "Schwarze Hand", eine einzige Organisation, nämlich die CIA, würde die Proteste steuern und die Menschen dafür bezahlen, auf die Straße zu gehen. Der Geschichte wird allgemein geglaubt. Wie kann das sein?