Steve Arnott © Peter Stäuber/​ZEIT ONLINE

Aber Lammiman glaubt auch, dass sich mittlerweile ein Meinungsumschwung abzeichnet. Das Land steuert auf einen EU-Austritt ohne Abkommen zu – und wenn es tatsächlich dazu kommt, so steht Großbritannien laut Einschätzung von Ökonomen und auch der Regierung selbst vor stürmischen Zeiten. "Was wird mit unseren Handelsbeziehungen geschehen? Mit unseren Vorräten an Medizin? Mit den Nahrungsmitteln, die an der Grenze warten, bis sie die Zollabfertigung hinter sich haben? Diese Argumente hört man immer häufiger, und das führt dazu, dass die Leute ihre Meinung ändern." Allerdings gibt es keine verlässlichen Meinungsumfragen, die diesen Eindruck bestätigen könnten. (Eine Erhebung vom Herbst 2018, die einen Umschwung hin zu Remain nahelegt, ist etwas zu grob gestrickt, als dass sie für die einzelne Wahlkreise aussagekräftig wäre.)

2017 war Hull die britische "City of Culture" – der Titel wird alle vier Jahre vergeben, er soll den gekürten Städten einen kulturellen und ökonomischen Schub verpassen. Hull legte eine beeindruckende Show hin: Die 2.800 Events und Ausstellungen zogen mehr als fünf Millionen Besucher an, 800 Jobs wurden geschaffen, 220 Millionen Pfund an Investitionen in die Stadt gelockt. Und der Effekt scheint nicht so schnell verpufft zu sein – laut einer Studie der Universität Hull werden kulturelle Anlässe seither häufiger besucht, und der Tourismus hat zugenommen.

Auf einem Spaziergang durch das Stadtzentrum sieht man wenige Anzeichen von postindustrieller Misere. Hull hat viele schmucke Ecken, es gibt Museen und Ausstellungen zuhauf, und wer will, kann sich hier und dort mit Craftbeer und sorgfältig geröstetem Kaffee zu Londoner Preisen verköstigen. Im Hafenviertel stehen nebst alten Pubs auch Weinbars, Tapasbars und Cocktailbars. Aber wie hat sich das Leben für die Normalbürger verändert?

Steve Arnott hat hier sein ganzes Leben verbracht, er kennt Hull, und mittlerweile kennt Hull ihn. In der Zeit, als die Stadt City of Culture war, begleitete der Filmemacher Sean McAllister den Lagerhausangestellten Arnott bei seinem Versuch, ein Hip-Hop-Projekt für Schulkinder auf die Beine zu stellen. A Northern Soul ist ein bewegendes Porträt, der Film gibt Einblick in den harten Alltag des Arbeiters, er zeigt die Geldnot und die Konsequenzen der Armut, vor allem aber auch den Wert zwischenmenschlicher Beziehungen. Es ist die Liebe von Arnott zur Musik und zu seinen Mitmenschen, die seinem Projekt letztendlich zum Erfolg verhelfen.

Der energische Mann ist nicht zu übersehen, wie er mit schnellen Schritten über den Platz vor dem Bahnhof aufs Café zusteuert. Den Bart, die Frisur, die Tätowierungen und die abstehenden Ohren kennt man aus dem Film, genauso den strahlenden Gesichtsausdruck, der bei der Begrüßung auftaucht. "Schön, dich zu sehen", sagt er. Arnott hat Grund genug, beschwingt zu sein. Sein Hip-Hop-Projekt läuft gut, jede Woche tourt er mit seinem Beats Bus durch die Stadt, besucht Schulen und ärmere Wohnquartiere, um zusammen mit Schulkindern Liedtexte zu schreiben und Songs zu produzieren. Durch Crowdfunding haben er und sein Team genug Geld zusammengebracht, dass Arnott seinen monotonen Job im Lagerhaus aufgeben konnte und sich nunmehr ganz seiner musikalischen Arbeit widmet.