Sein Engagement ist gefragt. Dass die Stadt City of Culture geworden sei, habe das Bewusstsein für die sozialen Probleme zu einem gewissen Grad geschärft, sagt Arnott, aber grundlegende Veränderungen dauern lange. "Die Situation hat sich in den vergangenen Jahren nicht verbessert. Die Armut ist noch immer hier, das Sparprogramm ist noch immer hier", sagt er. Das liege gar nicht so sehr an den lokalen Politikern, sagt er – Arnott glaubt schlichtweg nicht, dass sie einen Unterschied machen können: "Wir haben zwei sehr gute Parlamentsabgeordnete, Diana Johnson und Emma Hardy, zwei sehr starke Frauen. Aber sie können schreien, so laut sie wollen, es passiert nichts. Ich glaube, was sie sagen, verliert sich irgendwo im House of Commons", sagt er und lacht. "Mir scheint, die Leute sitzen dort hoch oben in einem Elfenbeinturm, und Hull ist hier unten, und der Weg dazwischen ist sehr weit."

Stephen Brady und Mike Jones © Peter Stäuber/​ZEIT ONLINE

Arnott hat 2016 für den Brexit gestimmt, aber mittlerweile hält er ihn für "Bullshit". "Die Leute hier wollten Veränderung, sagt er. "Aber was der Brexit bedeutet, das wurde nicht genau erklärt, es war alles so vage." Seit er gehört hat, was die Konsequenzen des EU-Austritts sind, macht er sich zunehmend Sorgen. "Jetzt würde ich 100 Prozent für Remain stimmen." So wie ihm gehe es vielen Leuten in Hull, sagt Arnott. Und dennoch hält er eine zweite Abstimmung für problematisch: "Wenn wir jetzt einen Rückzieher machen und nochmals abstimmen, würde das die Demokratie zur Farce machen. Wir haben gewählt, da kann man nicht hergehen und sagen: Bleiben wir doch besser. Wir müssen uns an das halten, was die Leute entschieden haben."

Gleich um die Ecke vom Queen's Garden liegt die imposante Guildhall, wo die Gemeindeverwaltung ihren Sitz hat. Lange holzgetäfelte Gänge, gesäumt von Marmorstatuen längst verstorbener Würdenträger, führen zum Büro des Ratsvorsitzenden, Stephen Brady. Der kleine Mann mit dem breiten lokalen Akzent sitzt gegenüber von Mark Jones, Direktor für Regeneration im Hull City Council. Vor allem die Unsicherheit, die der Brexit seit Jahren verursache, macht den beiden zu schaffen. In den vergangenen Jahren habe die Stadt erhebliche Investitionen angelockt, sagt Jones, allen voran Siemens, das hier gigantische Windräder baut. "Aber in den letzten 18 Monaten erlebten wir einen starken Rückgang, und zwar wegen des Brexit. Es geht nicht nur um die Versorgungsketten [die gefährdet sind], sondern auch um die Energiekosten und die Währungsfluktuationen."

Aber Labour-Mann Stephen Brady, der seit 2011 im Amt ist, sieht kaum Anzeichen, dass dies auf Wählerinnen und Wähler großen Eindruck macht und den Enthusiasmus für den EU-Austritt dämpft: "Ich glaube nicht, dass ein erheblicher Meinungsumschwung stattgefunden hat. Freilich sind die Folgen [des Brexit] noch nicht eingetreten." Zudem habe sich an den Lebensumständen der Leute, an der Unzufriedenheit, die einen guten Teil zum Votum beigetragen habe, in den vergangenen drei Jahren nichts geändert. Zwar ist das Pfund abgestürzt, und der Import von Nahrungsmitteln ist teurer geworden – aber Jones bezweifelt, ob die Bevölkerung den Zusammenhang mit dem Brexit-Votum herstelle. "Vielleicht spüren sie es jetzt stärker, wenn sie in den Ferien sind und für ein Pfund einen Euro erhalten", meint Brady.

Für Orte wie Hull sind aber auch die mangelnden Vorbereitungen der Regierung ein größeres Problem: "Wir sehen keine wirkliche Planung. Die Regierung kontaktierte uns erst letzte Woche und teilte uns mit, dass wir jetzt im Rat einen Brexit-Verantwortlichen haben müssen. Was auch immer das heißen soll", sagt Brady. "Wir wissen schlichtweg nicht, was im Parlament passieren wird. Im September wird die Hölle ausbrechen, es wird alle möglichen verfassungsrechtlichen Probleme geben. Möglicherweise wird sich die Queen einschalten." Daraufhin überlegt Jones einen Augenblick und sagt dann in Anspielung auf die Herkunft des britischen Königshauses: "Vielleicht wird uns am Ende eine Deutsche retten."