Nach dem Vorrücken syrischer Regierungstruppen in der syrischen Provinz Idlib hat sich die größte Rebellengruppe zurückgezogen. Die Truppen von Machthaber Baschar al-Assad hatten in der Nacht Teile der Stadt Chan Schaichun im Nordwesten des Landes eingenommen. Wegen der neuen Eskalation sind Tausende Menschen auf der Flucht.

Chan Schaichun wird seit fünf Jahren von Rebellen gehalten und gilt als einer der letzten wichtigen Posten der Aufständischen im syrischen Bürgerkrieg. Die größte Gruppe der Rebellen, die Al-Kaida nahestehende Organisation Hajat Tahrir al-Scham, gab den Rückzug ihrer Kämpfer bekannt. Es handele sich um "eine Umstationierung". Künftig wollten die Rebellen ihr Gebiet von Positionen südlich der Stadt Chan Scheichun aus verteidigen. Die von der Türkei unterstützte Nationale Befreiungsfront bestätigte ihren Rückzug ebenfalls. Die Sicherung der Nachschubrouten sei nicht mehr gewährleistet gewesen. 

Nach Angaben oppositioneller Aktivisten waren Regierungstruppen mit Unterstützung russischer Kampfflugzeuge in einen Teil von Chan Scheichun eingedrungen. Dort hätten die Truppen unter anderem Sprengstoff und Sprengfallen beseitigt. Das syrische Staatsfernsehen meldete, die Regierungstruppen hätten ihre Präsenz um das Gebiet Chan Scheichun ausgebaut. 

Russland und die syrische Regierung bezeichnen die Rebellen in Idlib als Terroristen. Sie waren bislang immer von den Vereinbarungen über Waffenruhen ausgeschlossen. Die Region wird vor allem von einer Al-Kaida-nahen Miliz dominiert. In den vergangenen Jahren waren oftmals Aufständische aus anderen Regionen des Landes nach Idlib gebracht worden oder durften nach Vereinbarungen mit der Regierung aus belagerten Städten abziehen und nach Idlib gehen. Russlands Außenminister Sergej Lawrow bestätigte, dass in Idlib auch russische Soldaten im Einsatz sind. "Natürlich verfolgen wir nicht einfach nur die Lage, unsere Soldaten sind dort auf dem Boden", sagte er.

Droht eine Eskalation mit der Türkei?

Syriens Präsident Al-Assad sagte: "Die Erfolge, die erreicht wurden, zeigen den Entschluss des Volkes und der Armee, Terroristen zu schlagen, bis alle Teile Syriens befreit sind." Westlichen und regionalen Mächten – namentlich der Türkei – warf Assad laut der staatlichen Nachrichtenagentur Sana vor, Terroristen in Idlib zu unterstützen. Der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu sagte, Idlib sei angesichts der Zukunft Syriens ein kritisches Thema: "Insofern müssen wir hier eine Waffenruhe gewährleisten." Doch "weil das syrische Regime nicht an eine politische Lösung glaubt, strebt es nun eine militärische Lösung an".

Ende April startete die Offensive der syrischen Regierungstruppen mit russischer Unterstützung auf nördliche Teile der Provinzen Hama und Idlib. Seitdem sind mehr als 2.000 Menschen getötet worden, Hunderttausende flohen weiter in den Norden. In der umkämpften Gegend befindet sich auch ein türkischer Beobachtungsposten. Die Regierung in Ankara kündigte an, dass die Türkei nicht die Absicht habe, den Beobachtungsposten zu evakuieren. Insgesamt unterhält die Türkei in der Region zwölf solcher Posten.

Erst am Montag hatte die Türkei bekannt gegeben, dass ein Konvoi mit 50 türkischen Militärfahrzeugen aus der Luft bombardiert wurde. Drei Zivilisten starben demnach, zwölf weitere wurden verletzt. Unklar ist bislang, ob syrische oder russische Kampfflugzeuge für die Luftangriffe verantwortlich sind. Das syrische Außenministerium gab an, der Konvoi habe Waffen nach Chan Schaichun bringen sollen. Der türkische Außenminister Çavuşoğlu warnte, die syrische Regierung solle nicht "mit dem Feuer spielen".