Die gewaltige Explosion war in ganz Bagdad zu hören und ließ die Scheiben klirren. Eine halbe Nacht lang brannte das Feuer. Am Morgen danach standen auf der Militärbasis im Süden Bagdads nur noch zerfetzte Gebäude und die verbogenen Gerippe der kollabierten Lagerhallen. 2003 als Camp Falcon von der US-Armee errichtet ging das Areal 2011 in den Besitz der irakischen Streitkräfte über, die es dann schiitischen Milizen überließen. Seit dem Brand liegt alles brach. Ein Paramilitär starb, 29 wurden verwundet. Das Munitionslager zur Explosion gebracht hat nach Erkenntnissen irakischer Ermittler eine israelische Kampfdrohne.

Die Zerstörung von Camp Falcon ist kein Einzelfall. Seit Mitte Juli gab es bereits fünf verheerende Luftangriffe auf Waffendepots proiranischer Schiitenmilizen in Irak. Getroffen wurde die Schohada-Kaserne in der Provinz Saladin, der Camp-Aschraf-Komplex nahe der Grenze zu Iran sowie der Luftwaffenstützpunkt Al-Balad nördlich von Bagdad. Jedes Mal flogen große Mengen an Granaten, Artilleriegeschossen und Raketen in die Luft, mit denen Teheran offenbar seit dem Sommer 2018 auch die irakischen Schiitenmilizen aufrüstet.

Zuletzt traf es ein Waffendepot nahe der irakisch-syrischen Grenzstadt Al-Kaim. Auch hier starb ein Uniformierter, zahlreiche weitere Männer erlitten Verletzungen. Die Führung in Bagdad reagierte empört und sprach von einem "eklatanten Akt der Aggression". Sie rief die Spitzen von Armee und schiitischen Milizen zu einer Krisensitzung zusammen und erklärte, man werde alles tun, um die Angreifer abzuwehren und Irak zu schützen. Auch der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, das derzeit 5.000 Soldaten in Irak stationiert hat, ging auf Distanz zu den mysteriösen Attacken, ohne jedoch die Verantwortlichen zu nennen. Man unterstütze die irakische Souveränität und habe sich bereits mehrfach "gegen mögliche Aktionen externer Akteure ausgesprochen, die die Gewalt in Irak anstacheln könnten", erklärte er. Die New York Times dagegen zitierte zwei amerikanische Regierungsvertreter, die bestätigten, dass Israel hinter den Angriffen stecke.

Denn Israels Generalstab kalkuliert mehr und mehr auf eigene Rechnung. Angesichts einer möglichen Annäherung zwischen den Vereinigten Staaten und Iran will die israelische Regierung offenbar den Kampf gegen die iranische Präsenz in seiner Nachbarschaft künftig stärker selbst in die Hand nehmen – was neben Syrien nun auch Irak und Libanon in diese indirekte Konfrontation mit der Islamischen Republik hineinziehen könnte. Hunderte Angriffe flogen israelische Kampfjets bereits seit 2011 gegen iranische Truppen und ihre Hisbollah-Verbündeten auf syrischem Territorium, so auch kürzlich wieder südöstlich von Damaskus, wo die Al-Kuds-Auslandsbrigade der Revolutionswächter einen Massenangriff mit Kamikazedrohnen auf den Norden Israels vorbereitet haben soll. Wie Satellitenaufnahmen zeigen, wurde die komplette Basis nahe dem Dorf Akraba dem Erdboden gleichgemacht. Wütend twitterte der Kommandeur der Al-Kuds-Brigade, General Kassem Suleimani, unter einem Foto von sich selbst, "diese verrückten Aktionen sind die letzten Schritte des zionistischen Regimes".

Eine "Bedrohung der regionalen Stabilität"

Ungeachtet dieser Drohungen tauchen israelische Drohnen und Kampfjets seit Kurzem auch in Irak über Waffendepots der schiitischen Haschd-al-Schaabi-Milizen auf. Sogar Beirut erlebte am Wochenende zum ersten Mal seit dem Krieg 2006 wieder einen Luftangriff auf das Zentrum der Hisbollah im Süden der libanesischen Hauptstadt, der das Medienbüro der Schiitenorganisation verwüstete, die als wichtigste Säule von Irans panarabischer Schattenarmee gilt. Libanons prosyrischer Präsident Michel Aoun nannte den Vorfall eine Kriegserklärung. Premierminister Saad Hariri sprach von "einer Bedrohung der regionalen Stabilität". Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah schwor Rache für diese "feindselige Aktion" und erklärte, die Tage, an denen israelische Kampfflugzeuge und Drohnen ungestraft in libanesischen Luftraum eindringen, seien gezählt.

"Seien Sie vorsichtig mit Ihren Worten und noch vorsichtiger mit Ihren Taten", retournierte Benjamin Netanjahu an die Adresse von Nasrallah und Suleimani. Iran genieße "nirgends Immunität", erklärte Israels Regierungschef, der sich am 17. September Neuwahlen stellen muss. Sein Land sei bereit, alle zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen, "um uns gegen die iranische Bedrohung an mehreren Fronten zu wehren".

Für Hilal Khashan, Politologe und Hisbollah-Spezialist an der Amerikanischen Universität von Beirut, tritt der Versuch Israels, den Einfluss Teherans in der Region zurückzudrängen, damit in eine neue Phase. Man habe eine Zahl von offenen und verdeckten Maßnahmen ergriffen, um zu verhindern, dass sich Iran in Syrien, Irak und Libanon festsetze, bestätigte auch Mossad-Chef Yossi Cohen bei einem seiner seltenen öffentlichen Auftritte. Nach seinen Worten versuchen Iran und Hisbollah derzeit, einen Teil ihrer Stützpunkte in den Norden Syriens zu verlegen. "Parallel dazu errichten sie Fabriken für moderne Waffen in Irak und in Libanon in dem irrtümlichen Glauben, wir hätten Schwierigkeiten, ihnen dort beizukommen."