"Und, war's das jetzt mit den Fünf Sternen?", will der Mann vom Zeitungskiosk wissen. Tags zuvor hatte Matteo Salvini, Chef der rechten Lega, die Regierungskoalition zwischen seiner Partei und der EU-kritischen, populistischen Fünf-Sterne-Bewegung mit Parteichef Luigi Di Maio für beendet erklärt. Seit Juni 2018 regiert unter dem parteilosen Ministerpräsidenten Giuseppe Conte in Italien diese nun gescheiterte Koalition der Rechtspopulisten.

Der Zeitungsmann will aber offenbar gar keine Antwort, sondern eher eine Beichte ablegen: Eigentlich habe er sein Leben lang links gewählt, anfangs aus Überzeugung, später eher notgedrungen, weil Silvio Berlusconi keine Option gewesen sei und die noch in den Kinderschuhen steckende Fünf-Sterne-Bewegung, das Movimento 5 Stelle, auch nicht. Doch irgendwann habe er den inneren Widerstand aufgegeben, dachte sich: Wer weiß, vielleicht schafft die Bewegung wirklich einen politischen Neuanfang?

Er meint damit keine Revolution im eigentlichen Sinn, "das liegt uns Italienern nicht", aber doch einen endgültigen Bruch mit der Vergangenheit. Also habe er vergangenes Jahr bei den Parlamentswahlen das Kreuz auf das Symbol der Fünf-Sterne-Bewegung gemacht. "Wenn das nicht ein Fehler war! Die funktionieren ja nur auf den Oppositionsbänken. Mehr, als zu protestieren, können die nicht", sagt er heute, gut ein Jahr später. Dass die Fünf Sterne, die im Sommer 2018 auf knapp 33 Prozent der Stimmen kamen, gleich mit der Lega, die gut 17 Prozent erreichte, im Bündnis die Regierung bilden würde, damit hatte er damals nicht gerechnet.

Seine Enttäuschung über die Entwicklung der Fünf-Sterne-Bewegung als Regierungspartei teilt der Zeitungsmann offensichtlich mit vielen anderen Menschen in Italien – wie es auch die Ergebnisse der EU-Wahlen Ende Mai gezeigt haben. Denn dort kehrte sich das Kräfteverhältnis der Koalitionsparteien, zwar nicht in Italiens Parlament, aber unter den Wählerinnen und Wählern, auf einmal radikal um: Plötzlich war die Lega mit gut 34 Prozent der Stimmen Italiens meistgewählte Partei und die Fünf Sterne fielen auf 17 Prozent. Der rechtsnationale Populismus hatte gewonnen. Aber gegen wen?

Wie die Lega tickt, ist weitgehend bekannt: Das wichtigste Thema der Partei sind die Flüchtlinge. Seit Jahren hetzt Salvini gegen geflüchtete Menschen und bekommt dafür in seinem Land zunehmend Beifall. Populistisch ist zwar auch die Fünf-Sterne-Bewegung, doch welchen Populismus vertritt sie? Am Anfang, als der Komiker Beppe Grillo die Bewegung aus dem Boden stampfte, schien das noch recht klar zu sein: Man profilierte sich als Antiestablishment-Bewegung, versprach den Bürgerinnen und Bürgern die Hebel der Macht an das Volk zu überreichen, denn "Uno vale uno", jeder zählt gleich – so ein Slogan, der ausdrücken sollte, dass die Demokratie endlich wieder gelebt, die Stimme der Menschen von der Straße mehr Wert bekommen solle.

Die politische Kaste müsse nach Hause, dröhnte es über die Plätze der Nation, wenn Grillo bei einem seiner "Leck-mich-am-Arsch"-Tage, den Vaffanculo-Days, oder V-Days, den Unterstützerinnen und Unterstützern in die Ohren brüllte. Umweltschutz, Kampf gegen die Korruption, direkte Demokratie, das alles hörte sich eher links an, obwohl die Bewegung selbst behauptete, weder links noch rechts zu sein.

Die Fünf Sterne stehen am Abgrund

Trotzdem war damals Ex-Regierungschef Silvio Berlusconi der Staatsfeind Nummer eins, auch wenn die Fünf-Sterne-Bewegung vornehmlich dem Mitte-links-Lager die Wählerinnen und Wähler abspenstig machte. Das erklärt auch, zumindest zum Teil, warum die Bewegung, bei den Parlamentswahlen 2013, trotz der damals mehr als 20 Prozent der Stimmen, lieber auf den Oppositionsbänken blieb, als mit der demokratischen Partei PD eine Koalition einzugehen. Offiziell hieß es, man wollte seinen Prinzipien treu bleiben, doch es ist nicht auszuschließen, dass die Fünf Sterne auf weitere enttäuschte sozialdemokratische Wähler hofften.

Im Jahr 2018, als das Ziel endlich erreicht war, gab es diese Bedenken nicht mehr. Der Siegesrausch fegte sie weg, und die Bewegung nahm mit der Lega auf den Regierungsbänken Platz. Mag sein, dass der Bewegung weitere fünf Jahre in der Opposition nicht bekommen wären. Nur was dann kam, hat sie – wie man jetzt beobachten kann – an den Rand des Abgrunds geführt.