Das hatte sich Matteo Salvini anders vorgestellt. Er wollte die Sommerkrise, er wollte ein schnelles Misstrauensvotums des Senats gegen die Regierung des parteilosen Premiers Giuseppe Conte. Doch an diesem Dienstagabend musste Italiens Innenminister und Lega-Chef eine erste Niederlage einstecken.

Die eiligst aus dem Urlaub nach Rom gerufenen Senatoren wiesen Salvinis Ansinnen ab, schon am Mittwoch über den Misstrauensantrag der Lega zu befinden – und zwar mit der Mehrheit seines bisherigen Koalitionspartners, der Fünf-Sterne-Bewegung, und der größten Oppositionspartei, der gemäßigt linken Partito Democratico (PD). Stattdessen vertagt sich der Senat nun auf den Dienstag kommender Woche. Dann hat erst einmal Premier Conte das Wort. Er dürfte mit der Lega abrechnen, die den Bruch mit ihm und dem Koalitionspartner von den Fünf Sternen vollzogen hat.

Zeichnet sich da, jenseits der Fragen von Geschäftsordnung und Parlamentskalender, eine neue politische Mehrheit ab, die Salvinis Neuwahlplan durchkreuzen und stattdessen eine Regierung aus Fünf Sternen und PD auflegen könnte? Diese Frage stellen sich gegenwärtig alle politischen Beobachter in Rom.

Kräfteverhältnisse radikal umgekehrt

Wenigstens für Salvini ist die Antwort klar. In seiner Rede vor dem Senat höhnte er über die "Verzweifelten", die an ihren Sesseln klebten, dann wurde er pathetisch. "Was gibt es schöneres und demokratischeres, als dem Volk das Wort zu erteilen?", fragte er in die Runde. Seine Lega wolle sofortige Neuwahlen, um dem Land eine stabile Regierung zu geben, argumentiert er. Dass er den Bruch vorige Woche aus heiterem Himmel selbst vollzogen hat, weist allerdings auf weniger noble Motive hin.

Spätestens mit der Europawahl vom 26. Mai nämlich hatte sich gezeigt, dass sich die Kräfteverhältnisse in der Koalition aus Fünf Sternen und Lega radikal umgekehrt haben. Die Lega gewann 34 Prozent, während sie bei den nationalen Parlamentswahlen vom März 2018 noch 17 Prozent erzielt hatte. Die Fünf Sterne dagegen fielen auf 17 Prozent, nach knapp 33 Prozent nur ein Jahr vorher.

Und der Trend setzte sich in den Meinungsumfragen der vergangenen Wochen fort. Die Lega liegt mittlerweile bei 37 bis 38 Prozent. Salvini will also schlicht die Gunst der Stunde nutzen, seiner Partei all jene Sessel sichern, an denen angeblich die anderen klebten. Er will die alleinige Kontrolle über die Regierung erlangen. Ein Wahlkampf mit dem Versprechen kräftiger Steuersenkungen, die gegen Widerstände der EU durchgesetzt würden, soll den Erfolg garantieren. Auch der rüde Abschottungskurs gegen Migranten soll fortgesetzt werden.

Noch bis vor wenigen Tagen schien es so, als gebe es zum Plan Salvinis keine Alternative. Schließlich sind die Fünf Sterne der PD spinnefeind, eine Koalition hatten sie immer kategorisch ausgeschlossen. Schließlich war für sie die PD das Sinnbild der politischen Kaste, die zu bekämpfen die Bewegung angetreten war.

Doch Beppe Grillo, Gründervater der Bewegung, der sich aus der Tagespolitik zurückgezogen, aber auch heute noch das letzte Wort hat, vollzog nun die radikale Wende. "Von wegen Neuwahlen!", schrieb er am Wochenende in seinem Blog, es gelte, die für seine Bewegung wichtigen Reformen zu realisieren. Erst dann könne gewählt werden.