Gut zwei Monate vor der Parlamentswahl ist der kanadische Premierminister Justin Trudeau von der Ethikkommission des Parlaments gerügt worden. Das Gremium warf ihm vor, in der Affäre um den Baukonzern SNC-Lavalin Einfluss auf die Ermittlungen genommen zu haben. Trudeau und seine Vertrauten hätten auf unzulässige Weise Druck auf die damalige Justizministerin Jody Wilson-Raybould ausgeübt, um SNC-Lavalin vor Strafverfolgung zu schützen.

In dem Bericht der Kommission heißt es, die Autorität des Amtes des Ministerpräsidenten sei genutzt worden, um die Ermittlungen des Generalstaatsanwalts und die Autorität von Wilson-Raybould "zu umgehen, zu untergraben und letztendlich zu diskreditieren". Der Ethikkommissar Mario Dion teilte mit: "Der Premierminister hat direkt und durch seine ranghohen Beamten verschiedene Maßnahmen benutzt, um Einfluss auf Frau Wilson-Raybould auszuüben".

Außer dem ungünstigen Zeitpunkt im Wahlkampf und einer möglichen geringen Geldstrafe hat die Rüge keine rechtlichen Auswirkungen für Trudeau. Er selbst hatte jegliches Fehlverhalten abgestritten und betont, dass ein Schuldspruch für SNC-Lavalin weitrechende Folgen für Tausende Angestellte, Kunden und Partner der Firma haben könnte. Das Unternehmen hat 9.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kanada und 50.000 weltweit.

Der Skandal um den Baukonzern hatte Trudeaus Regierung im Frühjahr in eine Krise gestürzt. Justizministerin Wilson-Raybould, Haushaltsministerin Jane Philpott und zwei ranghohe Parteivertreter aus Trudeaus Umfeld traten zurück. Wilson-Raybould berichtete später, sie sei von Regierungsvertretern dazu gedrängt worden, die Staatsanwaltschaft von einer außergerichtlichen Einigung zu überzeugen. Die Ministerin widersetzte sich den Forderungen. Die potenzielle Übereinkunft mit dem Unternehmen hätte eine mögliche strafrechtliche Verurteilung verhindert.

SNC-Lavalin soll zwischen 2001 und 2011 während der Herrschaft des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi Vertreter des nordafrikanischen Staates mit umgerechnet 31 Millionen Euro bestochen haben, um sich Aufträge zu sichern. 2015 wurde der Konzern wegen Korruption angeklagt. Die juristische Aufarbeitung des Falls dauert an.