Indiens populäre Eskalation – Seite 1

Es gab eine Zeit, da zitierten die Politiker noch Dichter. "Ich bin du geworden und du bist ich. Ich bin der Körper und du die Seele. Sodass später niemand wird sagen können, ich sei einer und du ein anderer." Mit diesen Worten des wohl bekanntesten indisch-muslimischen Dichters Amir Khusrau begrüßte Scheich Mohammed Abdullah, Premierminister des Staates Jammu und Kaschmir, den indischen Premier Jawaharlal Nehru 1948 in Srinagar. Fünf Jahre später war Abdullah seinen Job los und wurde verhaftet, auf Betreiben Nehrus, weil er angeblich mit Pakistan konspiriert hatte, um die Unabhängigkeit Kaschmirs voranzutreiben.

Für Poesie hat Amit Shah, der neue Innenminister in der hindu-nationalistischen Regierung des indischen Premierministers Narendra Modi, vermutlich weder Zeit noch Sinn. Am vorigen Wochenende ließ er Scheich Abdullahs Sohn, Farooq Abdullah (81), unter Hausarrest stellen und dessen Sohn Omar (49) gleich mit. Beide waren zu ihrer Zeit Ministerpräsidenten in Jammu und Kaschmir gewesen – einer Zeit, die auf einmal unendlich fern erscheint, in einem Indien, das es so nicht mehr gibt. Doch die Abdullahs scheinen noch gefährlich genug, um den historischen Prozess zu stören, den Shah Anfang der Woche quasi im Handstreich eingeleitet hat: die Zerschlagung des Bundesstaats Jammu und Kaschmir in zwei Teile und die Aufhebung des in der Verfassung (Artikel 370) festgeschriebenen Autonomiestatus der zwischen Indien und Pakistan umstrittenen Region.

Hintergrund des seit 71 Jahren andauernden Konflikts ist die Teilung des indischen Subkontinents nach dem Abzug der britischen Kolonialmacht 1947. Pakistan ist bis heute der Auffassung, dass das mehrheitlich muslimische Königreich Jammu und Kaschmir Pakistan hätte beitreten müssen, doch der Maharadscha von Kaschmir, Hari Singh, hatte damals andere Pläne. Er wollte unabhängig bleiben und trat Indien erst bei, als eine Stellvertreterarmee aus angeblichen Stammeskriegern (den Vorläufern der in Pakistan gezüchteten Terrorgruppen) einen Teil seines Staates besetzte, das heutige "Asad Kaschmir" in Pakistan. Da Pakistan seinen Anspruch auf Gesamt-Kaschmir nicht militärisch gegen das weitaus größere und wirtschaftlich stärkere Indien durchsetzen kann, hat es in den vergangenen Jahrzehnten eine Taktik der "1.000 Nadelstiche" entwickelt, die auf Terror setzt und separatistische Gruppierungen in Kaschmir unterstützt.

"Ich habe gedacht, mein Indien sei für alle"

"Wie fühlt sich jemand, dessen Körper zerschnitten wird? Der Körper, der geeint durch alle Schwierigkeiten ging, der als eins gegen alles Böse kämpfte? Sie trennen Regionen. Werden sie jetzt auch Herzen trennen? Werden sie Hindus und Muslime trennen? Ich habe gedacht, mein Indien sei für alle; alle, die an Säkularismus und Einheit glauben", sagte Farooq Abdullah am Mittwoch unter Tränen. Seinen Sohn habe er zuletzt gesehen, bevor sie ihn ins Gefängnis brachten. Die Abdullahs haben stets die Zugehörigkeit des mehrheitlich muslimischen Staates zu Indien hochgehalten – und damit auch das Prinzip des säkularen Vielvölkerstaats. Kaschmir mit seinen drei Religionen Islam, Hinduismus und Buddhismus erschien in dieser Sichtweise als eine Art Indien im Miniaturformat.

Abdullah ist politisches Urgestein, dreimal war er Ministerpräsident in Jammu und Kaschmir, unter Premierminister Manmohan Singh war er Minister für erneuerbare Energien in Delhi, noch heute sitzt er als Abgeordneter im Parlament in Srinagar. Sein emotionaler Zusammenbruch vor der Fernsehkamera ist mehr als die persönliche Tragik eines alten Mannes: Er markiert das Ende einer Ära. Einer Zeit, in der zwei große Familien die Politik in Kaschmir dominierten – und die nach Auffassung der in Delhi regierenden Bharatiya Janata Party (BJP) wenig getan haben, um den Menschen in Kaschmir eine Perspektive zu bieten.

"Einer der Gründe für den Zusammenbruch der Koalition zwischen der BJP und der Demokratischen Volkspartei (PDP) in Kaschmir 2018 war die Tatsache, dass Ministerpräsidentin Mehbooba Mufti sich weigerte, lokale (panchayat) Wahlen abzuhalten", sagt Amitabh Mattoo, Professor für Internationale Beziehungen an der Jawaharlal Nehru University in Neu-Delhi. Mattoo stammt aus einer der größten Landbesitzerfamilien in Kaschmir und ist ein sogenannter Kaschmiri-Pandit, wie auch Jawaharlal Nehru es war. Die Kaschmiri-Pandits sind Hindus und Brahmanen und wurden mehrheitlich in den Neunzigerjahren durch militante Islamisten und gewalttätige Separatisten aus Jammu und Kaschmir vertrieben.

"Verwegenste Aktion seit der Unabhängigkeit"

Mattoo setzt sich für die Aussöhnung zwischen Hindus und Muslimen in Kaschmir ein und war unter Mehbooba Muftis Vater, Ministerpräsident Mufti Mohammad Sayeed, Berater der Regierung. Während Mehbooba Mufti, die wie die Abdullahs derzeit unter Hausarrest steht, vor "katastrophalen Folgen für den Subkontinent" warnt, ist Mattoo vorsichtig optimistisch. Er bezeichnet Amit Shahs Coup als "verwegenste Aktion seit der Unabhängigkeit".

"Artikel 370 war dafür gedacht, Raum zu schaffen, für die Regierung, aber auch für die Menschen, die sich in ihrer Identität verletzlich fühlten und unsicher waren über die Zukunft", sagt Mattoo. Aber dies habe auch ein Netzwerk aus Patronage und Machtspielen geschaffen. Ein Modell, das Ansprüche von Politikern, Medien und Bürokraten aufrechterhielt und "schlechte Politik und Korruption" förderte. Da die etablierten Parteien die Entscheidung vehement ablehnten, müsse Delhi nun auf die "embryonische neue Elite" setzen, die aus den lokalen (panchayat) Institutionen hervorgehen wird.

Einer, der überzeugt ist, dass dies klappt, ist Tsering Namgyal (34), ein junger Abgeordneter der BJP, der für Ladakh in der Lok Sabha, dem indischen Parlament, sitzt. Am Montag machte er mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für seine buddhistisch dominierte Heimatregion in Jammu und Kaschmir von sich reden. "Wir haben 71 Jahre lange dafür gekämpft, Ladakh zu einem Unionsterritorium zu machen, damit es Teil von Indien wird", sagte er. "Frühere Regierungen haben uns nicht angehört und versucht, uns zu verstehen."

Keine sentimentale Beziehung zu Kaschmir

Den beiden in Jammu und Kaschmir dominierenden Parteien, Abdullahs National Conference (NC) und Muftis Demokratischer Volkspartei (PDP), warf er vor, "jede Demokratie auf lokaler Ebene abgewürgt und nichts für die Entwicklung Ladakhs" getan zu haben. In der Tat stand das mehrheitlich buddhistische Ladakh trotz seiner strategisch wichtigen Bedeutung an der Grenze zu China, an der zwischen Indien und China umstrittenen Region Aksai Chin und dem Siachengletscher, der Pakistan von China trennt, stets im Schatten des "großen" Kaschmir-Konflikts.

Mit der Aufhebung der Autonomie und der Zerschlagung des Staats in zwei Teile (Ladakh sowie Jammu und Kaschmir), die als Unionsterritorien in die indische Union eingegliedert werden, will die Regierung Modi nun das Dauerproblem um Kaschmir aus der Welt schaffen. Anders als Indiens erster Premierminister Jawaharlal Nehru, dessen Familie selbst aus Kaschmir stammte, haben Modi und sein Innenminister Amit Shah keine sentimentale Beziehung zu dem Staat. Damit sind sie sich mit weiten Teilen der indischen Bevölkerung einig. Spästens seit 2016 das Kaschmir-Tal wieder in Flammen stand, nachdem Burhan Wani, ein junger Islamist der Terrororganisation Hizbul Mujahideen von indischen Sicherheitskräften erschossen wurde, ist die Regierung Modi wohl zu dem Schluss gekommen, dass etwas passieren müsse.

"Eine neue Initiative, wie kühn sie auch sein mag"

"Ich habe meine Sympathie für die Kaschmiris verloren, als sie Burhan Wani unterstützten, der religiöse und keine politischen Ziele verfolgte. Das einzige Ziel der Hizbul Mujahideen ist es, Kaschmir in einen islamischen Staat zu verwandeln", sagt Tavleen Singh, eine Journalistin, die seit mehr als 30 Jahren über Kaschmir berichtet.

"Die öffentliche Ungeduld mit den Politikern in Kaschmir, mit der Opferhaltung der Kaschmiris, mit den sezessionistischen Tendenzen, mit gewalttätigen Straßenprotesten erreichte damals ihren Höhepunkt", sagt Ashok Malik, der bis vor Kurzem Pressesekretär des indischen Präsidenten Ram Nath Kovind war. Seitdem sei Kaschmir "als Konfliktzone" und damit auch Pakistan nicht mehr nur ein Thema in Nord-Indien sondern im ganzen Land. "Damit war der Boden bereitet für einen Bruch mit der Vergangenheit, eine neue Initiative, wie kühn sie auch sein mag", meint Malik. Die Tatsache, dass selbst die oppositionelle Kongresspartei gespalten ist in der Frage, ob die historische Entscheidung der Regierung Modi richtig oder falsch war, ist ein Beleg dafür, wie populär die Maßnahme in Indien ist.

Anders in Pakistan, das am Mittwoch den indischen Botschafter aus Islamabad auswies und die bilateralen Handelsbeziehungen suspendierte. Premierminister Imran Khan hat im Parlament gar angekündigt, Pakistan sei "bereit für einen Atomkrieg". Das kann getrost als Säbelrasseln abgetan werden, denn viele Unterstützer hat Pakistan international nicht. Die USA haben den Schritt Neu-Delhis bereits als "innere Angelegenheit" bezeichnet. Eine Reise Khans nach China wird über weitere Schritte Klarheit bringen. Doch eines ist sicher: Das Thema wird Südasien nun für lange Zeit in Spannung halten.