Es war kein guter Freitag für den US-Präsidenten. Während Donald Trump sich in Washington auf seine Frankreich-Reise vorbereitete, um beim G7-Gipfel mit den Staats- und Regierungschefs der bedeutendsten Industrienationen über aktuelle Probleme zu sprechen, erreichten den 73-Jährigen schlechte Nachrichten – und ausgerechnet bei dem politischen Thema, das Trump ohnehin derzeit die größten Sorgen bereiten dürfte – dem sich andeutenden Wirtschaftsabschwung.

Die erste Enttäuschung des Tages für Trump kam aus den Bergen Wyomings. In Jackson Hole tagte die US-Notenbank Federal Reserve. Seit Monaten drängt der US-Präsident den Fed-Chef Jerome Powell dazu, die Leitzinsen erheblich zu senken, um die guten Wirtschaftsdaten nicht zu gefährden, die Trump die Wiederwahl sichern sollen. Doch Powell machte an diesem Freitag keinerlei Andeutungen, dem Präsident unter die Arme zu greifen. Er sehe derzeit keinen Anlass für "eine politische Antwort auf die aktuelle Situation", sagte Powell und erzürnte damit Trump, der bei Twitter die Frage aufwarf, ob Powell nicht ein größerer Feind sei als der chinesische Präsident Xi.

Chinas Staatschef schickte am Freitag prompt aus Peking die zweite Negativbotschaft für den US-Präsidenten. Die chinesische Regierung läutet die nächste Runde im Handelsstreit ein und hat Zölle auf US-Güter im Wert von 75 Milliarden Dollar angekündigt. Zu den betroffenen Waren und Rohstoffen gehören Soja, Autos und Öl. Die durch den Handelskonflikt ohnehin schon leicht gebremste US-Wirtschaft steuert damit auf neue Herausforderungen zu. Vor allem die Sojafarmer, bisher eine stabile Wählerbasis des US-Präsidenten, dürften von den neuerlichen Zöllen wenig begeistert sein.

Eskalation des Handelskonflikts gefährdet die Konjunktur

Doch Trump wäre nicht Trump, wenn er nicht sofort zurückschlagen würde. Noch am späten Freitagnachmittag kündigte der US-Präsident seinerseits Zollerhöhungen gegenüber China an. Einfuhrabgaben von bisher 25 Prozent auf Warenimporte im Wert von 250 Milliarden Dollar sollen ab Oktober auf 30 Prozent angehoben werden. Auf weitere Waren im Wert von 300 Milliarden Dollar sollen ab dem 1. September 15 Prozent Zölle entfallen. Bis dahin waren zehn Prozent angekündigt. Doch auch wenn Trump mit seiner harten Handelspolitik durchaus Zustimmung auch außerhalb des eigenen politischen Lagers genießt: Mit jeder weiteren Eskalation des Handelskonflikt gefährdet der US-Präsident den fragilen Wirtschaftsaufschwung. Die Märkte sind nervös. Der S&P500-Index verlor am Freitag fast 2,6 Prozentpunkte.

Und so bleibt die Wirtschaft das größte Problem der US-Regierung. Während die Arbeitslosigkeit mit 3,7 Prozent noch immer nahe einem historischen Tief liegt und das Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal immerhin noch 2,1 Prozent betrug, deuten zahlreiche wirtschaftliche Frühindikatoren darauf hin, dass der Aufschwung zu Ende geht und ein Abschwung droht. Dazu gehören zum Beispiel die Inversion der Zinskurve, die einen Vertrauensrückgang an den Kreditmärkten signalisiert und der Rückgang des Purchasing-Managers-Index, der ein Schwächeln der Industrie andeutet.

Für den Präsidenten ist diese Entwicklung bedrohlich. Die Wirtschaft ist eine der wenigen Politikfelder, in dem Trump auch außerhalb des eigenen Lagers punkten kann. Deshalb versucht der US-Präsident alles, um Rezessionsängste klein zu reden und einen Wirtschaftsabschwung zu verhindern. Beides dürfte ziemlich schwer werden, auch wenn der Präsident per Twitter noch selbstbewusst versicherte, die Wirtschaft sei "stark und gut."

Das Wort Rezession ist dennoch bereits in aller Munde. Nachdem Trumps Gegner festgestellt haben, dass weder der Mueller-Report noch dessen regelmäßigen xenophoben und sonstigen Ausfälle die Wählerbasis des Präsidenten geschmälert haben, hoffen sie nun möglicherweise auf einen Abschwung. Der Trump-kritische TV-Moderator Bill Maher äußert schon seit Monaten die Hoffnung, dass eine Rezession eintrete, damit Trump 2020 verliert. In der Tat könnten viele US-Bürger ihr Kreuz auf Basis der Wirtschaftsdaten treffen. Laut einer Studie des Pew Research Centers von Anfang des Jahres ist die Wirtschaft das wichtigste Thema für Wähler.  Ein deutlicher Wirtschaftsabschwung kurz vor der Wahl könnte vor allem unabhängige Wähler ins Lager der Demokraten treiben.

Weitere Steuersenkungen dürften wenig nutzen

Ob und wann es zu einer Rezession kommt, ist allerdings nicht abzusehen. Die meisten Wirtschaftswissenschaftler rechnen zwar mit einem Abschwung, doch kaum jemand traut sich zu prognostizieren, wann dieser eintritt und wie stark er ausfällt.

Kein Zweifel besteht jedoch daran, dass Trump alles versuchen wird, um die guten Wirtschaftszahlen bis zur Wahl zu retten. Das dürfte allerdings auch aufgrund seiner bisherigen Wirtschaftspolitik schwer werden. Als der Immobilienmilliardär 2016 die Amtsgeschäfte von Barack Obama übernahm, befand sich die Wirtschaft bereits seit Jahren im Aufschwung. Ein Grund dafür ist die noch andauernde Erholung von der Finanzkrise 2008. Trump hätte den Dingen einfach ihren Lauf lassen können, doch mit seiner Steuerreform von 2017 heizte der Präsident die ohnehin schon boomende Wirtschaft noch einmal deutlich an, anstatt sich dieses Instrument für den Fall eines Abschwungs aufzubewahren.

Weitere Steuersenkungen für Reiche dürften wenig nutzen, um die Wirtschaft weiter anzukurbeln. "Die Unternehmen haben jetzt schon tonnenweise Geld" analysiert Nell Abernathy, Wirtschaftsforscherin am linksliberalen Roosevelt-Institut in Washington. "Weitere Steuersenkungen für die Reichen hätten deshalb nur minimalen Einfluss auf die Wirtschaftsleistung" sagt Abernathy.

Dennoch versucht der US-Präsident nun erneut das Thema Steuersenkungen ins Spiel zu bringen. In den vergangenen Tagen berichteten die US-Medien über eine Reihe von Maßnahmen, die Trump und seine Berater derzeit prüfen würden, darunter eine Senkung der Kapitalertragssteuer und der Lohnnebenkosten. Von seinen Steuersenkungsideen hatte sich Trump Mitte der Woche schon wieder distanziert. Und eine Senkung der payroll tax würde die Finanzierung der Rentenversicherung (Social Security) und der Krankenversicherung für Rentner (Medicare) gefährden. Beide Programme sind in der Bevölkerung sehr populär und Trump hatte im vergangenen Wahlkampf versprochen, sie zu erhalten. Derzeit wirkt es, als habe der Präsident keine Idee, wie er dem sich abzeichnenden Abschwung entgegentreten soll.

Nell Abernathy fordert dagegen ein Konjunkturpaket, um die Wirtschaft anzukurbeln – inklusive weitreichender Investitionen in die Infrastruktur und einer deutlichen Emissionsminderung in der Wirtschaft.

"Neue Schulden sind ungefährlich"

Doch für derlei notwenige Investitionen könnte der Spielraum schwinden. Denn Trumps Steuerreform hat ein großes Loch in die US-Haushaltskasse gerissen. Weil der US-Präsident 2017 die Unternehmenssteuer von 35 auf 21 Prozent sinken ließ, klafft im aktuellen Haushaltsplan eine Lücke von knapp 960 Milliarden Dollar. Das sind etwa 23 Prozent mehr als noch im letzten Fiskaljahr. Dabei hatte Trump im Wahlkampf 2016 versprochen, das Defizit rasch zu senken.

Nell Abernathy sieht das Defizit jedoch nicht als Hindernis für breite Investitionen: "Konservative Politiker treiben mit ihren Steuersenkungen für Reiche stets das Staatsdefizit in die Höhe – und dann wollen sie es mit Sozialkürzungen wieder senken." Es sei aber derzeit ungefährlich, neue Schulden aufzunehmen, weil die Zinsen niedrig seien. "Die Staatsverschuldung kann und sollte uns nicht davon abhalten, Investitionen zu tätigen", sagt Abernathy.

Doch derzeit gibt es keine Hinweise darauf, dass die US-Regierung von ihrem Steuersenkungskurs abrücken und stattdessen Investitionen in den Vordergrund stellen würde. Ende Mai ließ Trump Verhandlungen mit dem Demokraten über ein zwei Billionen Dollar teures Infrastrukturpaket platzen, weil er sich an den Ermittlungen im Repräsentantenhaus gegen ihn und sein Umfeld störte. Aber ohne den Kongress sind Trumps Möglichkeiten einer Rezession entgegenzuwirken stark begrenzt. Mit Blick auf die Wahl im kommenden Jahr könnte ein Wirtschaftsabschwung den Demokraten sogar verführerisch erscheinen. Auf eine Rezession zu spekulieren wäre allerdings zynisch, weil darunter vor allem die Armen im Land leiden – darauf wurde übrigens auch Bill Maher von einem seiner Gäste aufmerksam gemacht.

Aktuell hat US-Präsident Trump allerdings noch einen wichtigen Wirtschaftsfaktor auf seiner Seite – die US-Verbraucher. Fast schon traditionell ist der Privatkonsum in den USA sehr hoch und treibt die Wirtschaft an. Knapp 70 Prozent des US-amerikanischen Bruttoinlandsprodukts wird durch privaten Konsum erzielt. Dank der guten Arbeitsmarktzahlen hat sich daran trotz der schwächelnden Investitionen und Produktionsrückgang wenig geändert. Im Juni stiegen die Verkäufe im Einzelhandel um 0,3 Prozent und in Juli sogar um 0,7 Prozent. Ein Rückgang des Privatkonsums deutet sich derzeit nicht an. Solange die US-Haushalte weiter Geld ausgeben, werde die Wirtschaft intakt bleiben, prognostizierte diese Woche deshalb der Chefökonom der Ratingagentur Moody's, Mark Zandi, im Gespräch mit CNN. Wenn nicht, heiße es allerdings: "Game Over".