Aufrüstung, Handelsstreit oder Migrationskrise: Der Handlungsdruck für Außenpolitik nimmt zu. Doch wo steht Deutschland? Gastautor Hans W. Maull meinte kürzlich auf ZEIT ONLINE, Deutschlands Außenpolitik habe ein Problem der Besserwisserei. Gastautorin Nora Müller von der Körber-Stiftung nimmt sich an dieser Stelle die deutsche Außenpolitik am Beispiel der Debatte um die Hormus-Mission vor und stellt fest: Wer immer nur von Verantwortung spricht, der verliert am Ende seine Glaubwürdigkeit.

Bald kommt Donald Trump nach Europa – jedoch nicht nach Deutschland. Gleich zweimal wird der US-Präsident bei seinen bevorstehenden Europabesuchen einen Bogen um Berlin machen: ein erneutes Zeichen für die Zerrüttung im deutsch-amerikanischen Verhältnis. Doch dass Deutschland sich schwer damit tut, seine Interessen auf internationalem Parkett durchzusetzen, hat nicht nur mit dem Gegenwind aus Washington zu tun. Erhebliche Schwachstellen der deutschen Außenpolitik sind hausgemacht, wie sich derzeit an der Debatte um einen europäischen Einsatz in der Straße von Hormus studieren lässt.

Fast 30 Jahre ist es her, dass dem wiedervereinigten Deutschland auch in der Außen- und Sicherheitspolitik uneingeschränkte Souveränitätsrechte übertragen wurden. Doch bis heute sucht Europas größtes Land um seine außenpolitische Identität: als große Schweiz, als europäische Ordnungsmacht oder irgendetwas dazwischen? So lehnt nach wie vor mehr als die Hälfte der Bundesbürger ein stärkeres Engagement Deutschlands auf der Weltbühne ab. Demgegenüber stehen rund 40 Prozent, die eine aktivere Außenpolitik befürworten.

Die Kanzlerin schweigt zu Hormus

Jenseits des bis zum Überdruss bemühten Mantras von der "internationalen Verantwortung Deutschlands" treten auch in der deutschen Politik zunehmend deutliche Differenzen über den außenpolitischen Kurs hervor. In der Debatte um einen Einsatz der Bundesmarine am Persischen Golf beispielsweise gibt man sich in der SPD erwartungsgemäß zugeknöpft: "Alles, was darauf hinausläuft, zusätzliche Mittel dorthin zu entsenden, das machen wir nicht mit", so der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Nils Schmid. In den Reihen der CDU zeigt man sich aufgeschlossener. Doch auch in der Union ist "der früher selbstverständliche 'Primat der Außenpolitik' als Schicksalsfrage der Nation" längst nicht mehr in Stein gehauen, wie der CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Nick vor Kurzem feststellte.

Und die Bundeskanzlerin? Sie, die in ihrer Truderinger Bierzeltrede so vehement dafür geworben hatte, dass "wir Europäer unser Schicksal in unsere eigene Hand nehmen", schweigt bislang zur deutschen Beteiligung an einer europäischen Hormus-Mission.

Während man in Berlin über das Ob und Wie eines internationalen Engagements streitet, wächst der Handlungsdruck für deutsche Außenpolitik beständig: Europa ist bedroht – von innen wie von außen. Die USA wenden sich vom Alten Kontinent im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen ab. Die regelbasierte internationale Ordnung – und mit ihr die für die Exportnation Deutschland so wichtige Freiheit der Seewege – gerät immer mehr unter Druck.

Die Schlüsse, die die Bundesregierung aus den dramatischen sicherheitspolitischen Veränderungen gezogen hat, sind im Kern richtig. Erstens: In einer Welt aus den Fugen können wir uns die Rolle des kommentierenden Beobachters nicht mehr leisten. Wir müssen mitmischen. Zweitens: Der Handlungsrahmen für deutsche Außenpolitik muss ein gestärktes, international handlungsfähiges Europa sein. So weit, so überzeugend.

Doch wenn es ernst wird, mangelt es noch immer an politischem Willen zur Umsetzung – siehe der Fall Hormus. Deutschland setzt auf "Diplomatie und Deeskalation" – zu Recht. Denn Berlin verfügt allen transatlantischen Dissonanzen zum Trotz über solide Drähte nach Washington und findet auch in Teheran Gehör. Seine "guten Dienste" als Vermittler können zum Abbau von Spannungen beitragen.