Bei den Demonstrationen in Hongkong haben die Sicherheitskräfte nach Einschätzung des UN-Menschenrechtsbüros das Leben von Protestteilnehmern gefährdet. Es gebe glaubwürdige Beweise, dass Sicherheitskräfte zum Beispiel mehrfach Tränengas direkt auf Demonstranten abgefeuert hätten, teilte das Büro in Genf mit. Das berge "erhebliches Risiko von Todesfällen und ernsthaften Verletzungen".

Die Maßnahmen der Sicherheitskräfte hätten gegen internationale Normen verstoßen, hieß es vom UN-Menschenrechtsbüro. Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, rief die Behörden auf, die Zwischenfälle zu untersuchen und sicherzustellen, dass die Sicherheitskräfte keine internationalen Normen verletzten. Bachelet warb für mehr Dialog mit den Demonstrierenden. Protestteilnehmer, die ihre Ansichten bei friedlichen Protesten kundtäten, müssten respektiert und geschützt werden.

Am Wochenende war es zu harten Zusammenstößen zwischen Demonstrierenden und der Polizei gekommen. Die Sicherheitskräfte prügelten mit Schlagstöcken auf Demonstranten ein und schossen Gummigeschosse aus nächster Nähe in die Menge. Tränengas wurde auf den Straßen und erstmals auch in einer U-Bahnstation abgefeuert. Protestierende warfen Steine. Die Polizei warf Regierungsgegnern vor, Einsatzkräfte mit Brandsätzen verletzt zu haben. Mehrere Beamte erlitten demnach Verbrennungen und Augenverletzungen durch Laserpointer. Nach Angaben der Regierung wurden insgesamt 45 Menschen verletzt, zwei von ihnen schwer.

Lam verteidigt Polizeieinsätze

Nach Einschätzung der umstrittenen Regierungschefin Carrie Lam stürzt die jüngste Gewalt die Stadt ins Chaos. "Hongkong als offene, freie, sehr tolerante, wirtschaftlich stabile Stadt wird schwere Wunden davontragen", sagte Lam. "Die Erholung könnte lange dauern." Der Hang-Seng-Aktienindex der Hongkonger Börse fiel um knapp zwei Prozent auf den niedrigsten Stand seit sieben Monaten. Die Proteste gegen Lam und den Einfluss der chinesischen Regierung halten aber unvermindert an.

Lam verteidigte die Polizeieinsätze, betonte aber, dass sie als jemand, der nicht selbst Teil der Polizei sei, nicht darüber bestimmen könne, wie Polizeieinsätze ablaufen. Das gelte "insbesondere, wenn die Polizei vor Ort ein Urteil fällen muss", sagte Lam. Ihr zufolge hat die Polizei in den vergangenen zwei Monaten "große Schwierigkeiten gehabt, das Gesetz durchzusetzen". Dennoch seien die Regierung und die Polizei in Hongkong laut Lam in der Lage, die politische Krise zu lösen.

China spricht von "aufkeimendem Terrorismus"

In der früheren britischen Kronkolonie, die seit dem Rückzug der Briten vor 22 Jahren unter dem Motto "ein Land, zwei Systeme" an China angeschlossen wurde und als chinesische Sonderverwaltungszone autonom regiert wird, protestieren seit Wochen Tausende gegen die Regierung. Am Dienstag blockierten sie den zweiten Tag in Folge den Flughafen. Wie der Flughafenbetreiber mitteilte, wurde ab 16.30 Uhr Ortszeit der Check-in für alle Flüge des restlichen Tages eingestellt. Zuvor hatten erneut Tausende Protestierende die Ankunfts- und Abflughallen blockiert. Flüge, für die das Prozedere beendet sei, sollten noch starten. Bei Ankünften werde nicht mit Problemen gerechnet. Der Flughafen in der chinesischen Sonderverwaltungszone war wegen der Proteste bereits am Montag geschlossen worden. Die heimische Airline Cathay Pacific teilte mit, für Dienstag mehr als 200 Starts und Landungen in Hongkong abgesagt zu haben. Der Flughafen ist einer der geschäftigsten weltweit und ein zentrales Drehkreuz für Langstreckenflüge über China und Südostasien.

Die Proteste dauern bereits mehr als zwei Monate. Sie richteten sich zunächst gegen Pläne zur Auslieferung Beschuldigter an China, die von Carrie Lam initiiert, mittlerweile aber auf Eis gelegt wurden. Die Demonstranten werfen Lam zudem eine zu große Nähe zu China vor und fordern ihren Rücktritt, was diese ablehnt.

Die chinesische Führung behauptete zuletzt, es handele sich bei den Protesten um "aufkeimenden Terrorismus" und warnte indirekt vor einem Eingreifen. Der letzte Gouverneur der früheren britischen Kronkolonie, Chris Patten, sagte der BBC, eine Intervention Chinas in Hongkong wäre eine Katastrophe. Es sei nicht hilfreich, dass China mit "anderen Methoden" drohe, sollten die Proteste nicht aufhören.

Die Verwaltung der Stadt war 1997 an China zurückgegeben worden, aber mit besonderen Rechten wie einer unabhängigen Justiz und freier Meinungsäußerung. Diese Rechte sehen die Regierungskritiker nun in Gefahr.