Dubios, unrealistisch, unglaubwürdig – bis vor Kurzem noch war das die gängige Antwort auf Wladimir Putins Behauptung, Russland habe eine neue Wunderwaffe. Das ändert sich gerade. Vor seiner Wiederwahl im vergangenen März hatte sich Russlands Präsident mit einer Art Rede zur Lage der Nation an die Öffentlichkeit gewandt. Neben den üblichen Versprechen, Russland in den unterschiedlichsten Bereichen endlich zum Durchbruch zu verhelfen, präsentierte er eine Computeranimation, die neue, fantastisch anmutende Waffensysteme zeigte. Eines der Wichtigsten davon war ein Marschflugkörper, der von einem Minireaktor angetrieben schier unendliche Reichweite besitzt. Dieser könnte dann kreuz und quer über den Erdball fliegen, bevor er sein Ziel erreicht. Und vor allem: Eine Raketenabwehr hätte keine Chance.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Das US-Außenministerium nannte Putins Präsentation eine "billige Computergrafik". Wissenschaftler zweifelten ob der Machbarkeit solcher Waffen. Robert Schmucker, Professor für Raumfahrttechnik an der TU München, bezeichnete die Pläne als "politische Kraftmeierei". "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die einen kleinen, fliegenden Kernreaktor machen können." 

Seit die Welt aber vor wenigen Tagen von einem tragischen Unfall während eines Raketentests in Nordrussland erfuhr, scheinen diese Zweifel erst mal so gut wie vergessen. Mehr noch: Nach Aussage von US-Präsident Donald Trump zeigt der Unfall, dass Russland nukleare Antriebe für Marschflugkörper testet. Skyfall, die Rakete, von der Trump schrieb, ist die Nato-Bezeichnung für jene Wunderwaffe, die Putin der Welt in seiner Computeranimation präsentierte.

Offiziell war es eine Atombatterie

Hat die Weltöffentlichkeit also vor einem Jahr Russlands Waffenpläne allzu leichtfertig abgetan? Donald Trump behauptet, dass die USA auf diesem Gebiet weiter seien, was indirekt die Machbarkeit solcher Waffensysteme beweisen würde. Tatsächlich gibt es Indizien, die die Sichtweise unterstützen, dass Russland mit solch einer Waffe experimentiert. Nicht nur die erhöhten Strahlenwerte nach der Explosion am Donnerstag sprechen dafür. Auch gilt die Region um Sewerodwinsk als neuer Stützpunkt für Tests von solchen Marschflugkörpern, die zuvor auf der arktischen Insel Nowaja Semlja ausprobiert wurden.

Für die Skyfall-These spricht ebenfalls der Auftritt von Alexej Likhatschew, Chef des staatlichen Konzerns Rosatom, während der Abschiedszeremonie zu Ehren der beim Unfall getöteten Mitarbeiter des nuklearen Forschungszentrums von Rosatom in Sarow. "Die beste Erinnerung an diese Menschen wird unsere weitere Arbeit an neuen Waffenmodellen sein, die wir zweifelsohne zu Ende führen werden", sagte der Konzernchef. Die gestorbenen Männer seien nationale Helden.

In einer offiziellen Mitteilung zum Unfall war allerdings die Rede von der Explosion einer Rakete, die über einen herkömmlichen Flüssigtreibstoffantrieb kombiniert mit einer Isotopenenergiequelle verfügt. Bei Skyfall, so die bisherigen Informationen russischer Medien, sei jedoch ein Minireaktor für den Dauerbetrieb und ein mit festem Treibstoff betriebener Startblock angedacht. Ein Minireaktor liefert dank einer kontrollierten Kettenreaktion mehr Energie als eine Isotopenquelle, die den natürlichen Zerfall von Isotopen nutzt und im Fachjargon als Atombatterie bezeichnet wird.