Fünf Tests in vier Ländern nur in der vergangenen Woche: Russland, die USA, der Iran und Nordkorea probieren ihre neuen Raketen aus. Schon zuvor, Mitte August, war in Russland ein Flugkörper mit nuklearem Antrieb am Weißen Meer abgestürzt. Seit einiger Zeit erneuern Amerikaner und Russen Zug um Zug ihre Flotte von Interkontinentalraketen. Mit Wucht ist ein neues Zeitalter angebrochen, in dem Abrüstungsverträge entsorgt und stattdessen neue Waffen erprobt werden. 

Zu diesem Wettrüsten gehört der Streit um die Frage, wer aufrüstet und wer "nur" reagiert. Dabei spielen Zahlen eine ganz wichtige Rolle. Den größten Militäretat mit 649 Milliarden Dollar leisten sich die USA, sie reden da auch nicht drum herum, Präsident Trump will das US-Militär "great again" machen. Die russische Regierung gibt dagegen auffällig niedrige Zahlen heraus. Das schwedische Friedensforschungsinstitut Sipri bezifferte den russischen Etat jüngst auf 61,4 Milliarden Dollar, das war weniger als der französische Rüstungshaushalt (63,8 Milliarden). Sipri sagte, der russische Militäretat sei gefallen. Die USA geben demnach mehr als zehn Mal so viel wie Russland aus. 

Trotzdem aber will Russland bei Atomwaffen und Raketen mit Amerika gleichziehen. Wie kann es sein, dass Präsident Putin ständig neue Waffensysteme ankündigt, kolossale Manöver abhalten und Nukleartriebwerke testen lässt, wenn er auf dem Papier nur 61 Milliarden Dollar für die gesamte Armee ausgibt? Ganz einfach: durch kreative Buchführung. Die russische Regierung rechnet ihre Rüstungsausgaben systematisch klein.

Billiger Rubel, kleiner Etat

Es gibt drei Gründe, warum der russische Militärhaushalt und das Ausmaß der Aufrüstung wahrscheinlich sehr viel größer ist als von der russischen Regierung angegeben. 

Erstens: der Rubelvorteil. Die russischen Streitkräfte kaufen ihre Rüstung fast ausschließlich auf dem heimischen Markt. Die Rüstungsfirmen sind überwiegend unter staatlicher Kontrolle, die Verkäufe laufen in Rubel – meist weit unter dem Wert, für den dieselben Schmieden ihre Waffen in der Welt anbieten. "Da wir die Rüstung in Rubel zu internen Preisen einkaufen, können wir mehr Waffen anschaffen als jedes andere Land, das sie auf dem Weltmarkt erwerben muss", freute sich jüngst der russische Außenminister Sergei Lawrow über den Preisvorteil auf Kosten anderer. Die Firmen machen ihr Geld mit Auslandskunden.

Zweitens: die Schattenhaushalte. Anders als in westlichen Ländern verzichtet das russische Parlament auf jegliche Kontrolle über das Verteidigungsbudget, sagt der russische Militärexperte Alexander Goltz. Weil die Regierung keine Rechenschaft ablegen muss, kann sie die Angaben variieren, je nach Adressat. So seien die Verteidigungsausgaben, die Russland auf Englisch den UN übermittelt, wesentlich geringer als jene, die zu Hause auf Russisch im Staatshaushalt verzeichnet seien, sagt Goltz. Bestimmte Ausgaben für Verteidigung werden ohnehin geheim gehalten, zum Beispiel die Ausgaben für den "Kampf gegen den Terrorismus" oder Forschungssubventionen für neue Rüstung. Nach Recherchen der Internet-Zeitung Meduza wachsen diese Schattenhaushalte Jahr um Jahr.

Wenn selbst Sipri den Bonsai-Etat übernimmt, geht Putins Plan auf

Drittens: die vielen russischen Armeen. Während ein Land wie Frankreich sogar seine nationale Polizei, die Gendarmerie, im Verteidigungshaushalt auflistet, rechnet Russland Teilstreitkräfte heraus. Und das sind nicht wenige. Es ist in Russland Tradition, dass sich mehrere Ministerien ganze Armeen leisten. Das Innenministerium unterhält Truppen mit schweren Waffen, auch der Geheimdienst FSB, dazu kommen das Bahnministerium und das Katastrophenschutzministerium. Als russische Streitkräfte Ende 2018 in der Meerenge von Kertsch ukrainische Matrosen entführten, waren das zum Beispiel Spezialkräfte des FSB. Um den wahren Umfang der russischen Streitkräfte zu kennen, müsste man also alle diese Truppen hinzuzählen. Kann aber niemand, weil die Zahlen geheim sind. 

Aus den zahlreichen undurchsichtigen Töpfen lassen sich natürlich viele Militärprojekte mit Rubel-Discount finanzieren. Deshalb kann der russische Präsident so viele teure und neue Waffen bauen lassen. Marschflugkörper mit Nuklearantrieb, Raketen mit Vielfachsprengköpfen, Gleitflugkörper, die mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit fliegen. 

Das Kleinrechnen der Rüstungsausgaben gehört indes zur hybriden Kriegführung. Denn für die Erzählung, dass Russland ja nur auf westliche Aufrüstung und Umzingelung reagiere, braucht Putin auf dem Papier einen Militärhaushalt im Bonsai-Format. Und wenn solche Zahlen auch von seriösen Instituten wie Sipri ohne Einschränkung übernommen werden, ist der Plan schon aufgegangen.