Wenn ich in diesen Tagen mit syrischen Freunden spreche, in Berlin, Beirut oder Istanbul, herrscht am Ende des Gesprächs immer eine bedrückende Stille. Sie folgt auf eine Frage, auf die wir keine Antwort haben und die doch in ihrem Ausmaß ungeheuerlich ist. "Warum interessiert sich niemand mehr für Syrien", fragen sie, oder: "Warum ist unser Leid den meisten egal geworden?" Vielleicht, sagen einige dann leise, wüssten die Leute ja nicht, dass in Syrien noch Krieg herrsche. "Sonst würden sie doch was unternehmen." Auch darauf folgt betretenes Schweigen. Denn ihnen ist natürlich klar: Westliche Staatschefs, Diplomaten, die Öffentlichkeit, sie alle wissen, was in Syrien passiert. Doch außer wortstarken Ermahnungen folgt daraus nichts. Wieder mal nicht.

Seit Ende April läuft in der nordsyrischen Provinz Idlib die letzte und wohl grausamste Offensive von Baschar al-Assad und seinen Unterstützern Russland und Iran. Vor einigen Tagen hat das Regime Chan Scheichun eingenommen, das im April 2017 traurige Berühmtheit erlangte, als dort nach einem Giftgasangriff fast 90 Menschen starben und Hunderte verletzt wurden. Mit der Rückeroberung der strategisch wichtigen Stadt ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Assad auch den Rest der Provinz wieder unter seiner Kontrolle hat.

In Idlib, offiziell zur Deeskalationszone erklärt, leben rund drei Millionen Menschen, darunter auch jene Zivilisten und Kämpfer, die zuvor aus Aleppo, Ostghuta und Daraa vertrieben worden waren. Nahezu täglich werden sie bombardiert, von einem Ort in den nächsten vertrieben, etliche Menschen harren auf Feldern und unter Bäumen aus. Entkommen können sie nicht. Die Grenze zur Türkei ist dicht, vom Süden her rückt das Regime vor. Tausende sind schon getötet worden. Bleibt die Weltgemeinschaft weiter passiv, sind auch die anderen dem Tod oder grausamen Bestrafungen durch das Regime ausgeliefert.

Aus der Erfahrung gesprochen ist dies das wahrscheinliche Szenario. Denn die Welt hat Syrien schon vor langer Zeit aufgegeben.

Kein einziger westlicher Staat hat eingegriffen, als das Regime von Machthaber Baschar al-Assad die friedlichen Proteste junger Syrerinnen und Syrer für Demokratie und Freiheit 2012 mit aller Brutalität niederschlug. Als es mehr und mehr junge Menschen, Studenten, Aktivisten, Journalisten verhaften und foltern oder gleich ermorden ließ. Als es zum ersten Mal Giftgas abwarf und damit die von US-Präsident Barack Obama gesetzte "rote Linie" überschritt – und dennoch keine existenzielle Bedrohung fürchten musste, wie auch nicht bei allen nachfolgenden Giftgasattacken.

Es griff auch niemand ein, als sich Assads Verbündeter Russland Ende 2015 in den Krieg einschaltete und begann, verheerende Luftangriffe zu fliegen, die bis heute anhalten und einer perfiden Strategie folgen. Sie treffen nicht vorrangig die Waffendepots oder Versammlungsorte der Terroristen, die das Regime angeblich bekämpfen will, sondern zivile Einrichtungen: Krankenhäuser und mobile Krankenstationen, Wohnviertel, Märkte und Schulen. Nach einem Bombeneinschlag vergehen ein paar Minuten, bis die ersten Zivilisten am Ort sind, um den Verletzten zu helfen. Dann folgt der zweite Angriff, um gezielt die Helfer zu töten. Double-tap strike heißt das in der Militärsprache.

Dass Assad gezielt Zivilisten, Kinder, Frauen, Alte umbringt, hat auch mit seinem übergeordneten Plan zu tun: Er will nicht nur die Macht über das ganze Land zurück, sondern auch eine "gesündere", homogenere Gesellschaft in Syrien, wie er mehrfach betont hat. Sprich: ein gleichgeschaltetes Volk, in dem Kritiker ganz fehlen oder mundtot gemacht werden, ein Volk, das ihm, dem Führer, loyal unterworfen ist. Es sind die Ziele eines größenwahnsinnigen, gefährlichen Diktators. Um sie zu erreichen, ist Assad jedes Mittel recht.

Das Grauen in Idlib ist dokumentiert. Angesichts von Tausenden Fotos, Videos und Zeugenberichten kann es jeder sehen, der es sehen will.

Kriegsgebiete - "Es ist okay, für etwas Gutes sein Leben zu lassen" Rettungsassistent Tobias Buckler behandelt im Irak und in Syrien Kriegsverletzte. "Ich gehe nicht dorthin, um das Gefühl zu haben, gebraucht zu werden." Ein Videoporträt © Foto: Kenny Karpov

Bei den vorherigen Offensiven gab es noch temporäre Aufmerksamkeit. Als das Regime Ende 2016 Ost-Aleppo einnahm und die Milizen plündernd und mordend durch die Straßen zogen, gab es in europäischen Städten Demonstrationen, Petitionen wurden an Regierungen geschickt, Politiker trafen sich zu Krisensitzungen, so ergebnislos sie auch waren. Als im vergangenen Jahr der Damaszener Vorortgürtel Ostghuta zurückerobert wurde, wurden immerhin noch Hashtags und Solidaritätsbekundungen in den sozialen Netzwerken geteilt. Bei Idlib bleiben Politik und Öffentlichkeit verstörend still.

In Deutschland zum Beispiel beschränkt sich die Diskussion zumeist auf die im Land lebenden Syrer, die man nun meint maßregeln zu müssen, damit sie dieses Geschenk des Exils, wie es manche Politiker offenbar verstehen, nicht ausnutzen. Über die Bombardierungen und Kämpfe, die Verfolgungen und angedrohten Verhaftungen, die diese Menschen einst zur Flucht zwangen, wird hingegen kaum noch gesprochen – auch wenn es das alles nach wie vor gibt in Syrien.

Und das ist fatal. Nicht nur wegen des immensen Ausmaßes: Rund eine halbe Million Menschen wurden in dem Krieg getötet, Millionen verwundet, Zehntausende Männer und Frauen sind in den Folterkellern des Regimes verschwunden, viele bis heute. Mehr als 11 Millionen Syrer sind geflohen, ins Ausland oder innerhalb Syriens.

Fatal sind nicht nur die Schicksale, die hinter jeder einzelnen Zahl stehen. Sondern auch, was das Wegschauen und die Hilflosigkeit der vermeintlichen Weltgemeinschaft bedeutet: noch nach acht Jahren die Syrer wissentlich einem Kriegsverbrecher zu überlassen, der vermutlich bald schon rehabilitiert wird und mit diesen Grausamkeiten davonkommt. Das ist beschämend und beängstigend. Und es macht sprachlos. In jedem Gespräch wieder.