Mehr Schusswaffen als Einwohner – Seite 1

El Paso und Dayton. Auch die Namen dieser US-Städte stehen seit dem Wochenende auf der traurigen, langen Liste der Schauplätze von Mass Shootings. Allein in diesem Jahr gab es nach Angaben der Organisation Gun Violence Archive in den USA bereits mehr als 250 Angriffe mit Schusswaffen, bei denen jeweils mindestens vier Menschen er- oder angeschossen wurden. Es passiert im ganzen Land, regelmäßig. Aus Hass, aus Frust, mal mit politischem Hintergrund, mal mit persönlichem. Manchmal haben die Täter psychische Probleme, manchmal galten sie bis zum Tatzeitpunkt als unauffällig. Gemein ist allen eins: Alle Täter sind relativ problemlos an ihre Waffen gekommen.

Auch wenn genaue Zahlen schwer zu ermitteln sind: Als gesichert gilt, dass in den USA mehr Waffen im Privatbesitz sind, als das Land Einwohner hat. Und keine Protestbewegung, kein noch so schrecklicher Amoklauf konnte an dieser amerikanischen Liebe zu den Waffen bislang etwas ändern. 

Das Graduate Institute of International and Development Studies in Genf veröffentlicht seit einigen Jahren den sogenannten Small Arms Survey, in dem weltweite Daten zu kleinen Schusswaffen zusammengetragen werden. Der Aufstellung zufolge sind die USA weltweit das einzige Land, in dem die Zahl der Waffen im Privatbesitz die der Einwohner übersteigt: 120,5 Schusswaffen waren es im Jahr 2017 pro 100 Einwohner. Auf dem zweiten Platz rangiert der Jemen, der mit 52,8 pro 100 Einwohner auf nicht mal halb so viele Waffen im Privatbesitz kommt. Dahinter folgen Serbien und Montenegro (je 39,1), Kanada und Uruguay (je 34,7). Deutschland liegt in der Liste auf Platz 23 mit 19,6 Schusswaffen pro 100 Einwohner.

Setzt man diese Zahlen ins Verhältnis zur Anzahl an Todesfällen pro 100.000 Einwohner durch Schusswaffen, zeigt sich im internationalen Vergleich, dass mehr Waffen in der Bevölkerung durchaus zu mehr Toten führen. Und nicht – wie die Waffenlobby gern propagiert – etwa zu mehr Sicherheit und somit weniger Toten. In den USA sind im Jahr 2017 laut der Plattform Gun Policy, die ebenfalls Daten zur Verbreitung von Waffen sammeln, 12,1 von 100.000 Einwohnern durch eine Schusswaffe getötet worden.

Insgesamt waren es 39.773 Getötete, der Großteil davon Suizide (23.854), gefolgt von Mord- und Totschlagsdelikten (19.269). Auch ungewollte Tötungen sind dabei (486) ebenso wie Todesfälle im Zusammenhang mit Einsatzkräften, also etwa Polizisten, die auf Menschen schießen (553).

Und dennoch: Die Mehrheit der US-Amerikaner besitzt keine Waffen. Schätzungen zufolge lebten im Jahr 2017 etwa 42 Prozent der Menschen in einem Haushalt mit einer oder mehreren Waffen. Zu diesem Ergebnis kam damals eine Befragung das Pew Research Instituts. Die meisten dieser Haushalte wiederum besitzen im Schnitt zwei Waffen, wie Wissenschaftler der Harvard- und Northeastern-Universität zwei Jahre vorher bei einer groß angelegten Befragung herausgefunden hatten. Der Großteil aller Waffen ist demnach im Besitz von drei Prozent der Bevölkerung, sogenannten super owners.

Und er gehört mehrheitlich weißen Personen. So gaben in einer Studie der Universität von Chicago für den Zeitraum zwischen 2010 und 2018 deutlich mehr weiße Menschen an, eine oder mehrere Waffen zu besitzen (39,3 Prozent der Haushalte). Bei den Afroamerikanern waren es nur 18,8 Prozent der befragten Haushalte. Auch Familien lateinamerikanischen Ursprungs berichteten dieser Studie zufolge von deutlich weniger Waffen in ihrem Besitz als ihre weißen Nachbarn.

Insgesamt hatte die Zahl der Haushalte, die Waffen besitzen, von den Siebzigerjahren bis Mitte der Neunzigerjahre abgenommen. Seit 2012 verzeichnen die Forscher aber wieder einen Anstieg. Die Schwankungen sind nicht leicht zu erklären, da viele Faktoren Einfluss auf diese Zahlen haben: demographische, politische oder auch soziokulturelle, etwa wie beliebt der Jagdsport gerade ist. 

Die Amerikaner kaufen immer mehr Waffen

Die absolute Zahl der Waffen in US-Privatbesitz ist in den vergangenen 20 Jahren hingegen massiv gestiegen. Nach Angaben der Harvard- und der Northeastern-Universität waren es 1994 schätzungsweise 192 Millionen registrierte genehmigte Schusswaffen. 21 Jahre später, also 2015, war die Zahl bereits um rund 38 Prozent auf 265 Millionen angestiegen. Das heißt, dass die Menschen, die Waffen besitzen, tendenziell mehrere Exemplare horten.

Der Small Arms Survey kommt für das Jahr 2017 sogar auf 393 Millionen Waffen im US-Besitz. Das liegt daran, dass sie auch illegal erworbene Waffen in ihre Schätzungen mit aufgenommen haben. Die Forscher aus Harvard haben sich hingegen auf offiziell registrierte Waffen beschränkt. Vergleicht man diese 393 Millionen mit dem Rest der Welt, zeigt sich erneut: Nirgendwo sind die Menschen so waffenbesessen wie in den USA. Mit Abstand nicht.

Weltweit ist die Mehrheit aller Waffen im Privatbesitz. Laut dem Small Arms Survey waren es 2017 weltweit etwa 857 Millionen. Zum Vergleich: Das Militär besaß 133 Millionen kleine Schusswaffen, Strafverfolgung und die Polizei 22,7 Millionen. Die Verfasser der Studie weisen zwar selbst darauf hin, dass diese Daten schwer zu erheben und sicher nicht vollständig sind. Dennoch zeigen diese Schätzungen, wie groß die Unterschiede sein dürften.

Im zeitlichen Verlauf zeigt sich zudem, dass die Todeszahlen in Folge des Gebrauchs von Schusswaffen in den USA seit 2014 wieder gestiegen sind. Dass strengere Waffengesetze an diesem Anstieg durchaus etwas ändern könnten, lässt sich am Beispiel Australien beobachten. Im Mai 1996 verabschiedete die australische Regierung ein Gesetz, das den Waffenbesitz stärker regulierte. Zehn Tage zuvor hatte ein Mann 35 Menschen erschossen. Die Zahl der durch Schusswaffen getöteten Menschen sank daraufhin, zwar langsam, aber kontinuierlich. Genauso wie die Anzahl der Haushalte, in denen Menschen Waffen besitzen.