In Brasilien brennt es im Amazonaswald so schlimm wie lange nicht – doch die Regierung unter Präsident Jair Bolsonaro hat Finanzhilfen der G7-Staaten gegen die Feuer vorläufig abgelehnt. Mehr noch: Der rechtsextreme Bolsonaro hat in Brasilien ein politisches Klima geschaffen, das legale wie illegale Rodungen beschleunigt und offenbar auch verstärkt zum Legen von Bränden motiviert. Der Amazonasregenwald bindet riesige Mengen CO2 und ist für das Weltklima von zentraler Bedeutung. Warum also handeln Bolsonaro und seine Regierung so?  Was für eine politische Weltsicht steht hinter der Politik des autoritären Präsidenten? Der Politikwissenschaftler Oliver Stuenkel lebt in São Paulo und gibt Antworten.

ZEIT ONLINE: Brasiliens Regierung hat die seit Jahren schwersten Amazonaswaldbrände lange Zeit ignoriert. Internationale Kritik an der Untätigkeit hat Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro als koloniale Anmaßung abgetan. Jetzt spricht er plötzlich von Nulltoleranz gegenüber Umweltsündern und schickt Militär in den Kampf gegen die Flammen. Wie kommt es zu diesem Sinneswandel?

Oliver Stuenkel: Von einem Sinneswandel kann man eigentlich nicht reden. Die Armee dorthin zu schicken, sagt nichts über die Klimapolitik der brasilianischen Regierung aus, die Brände sind ja Konsequenz dieser verfehlten Politik. Es geht Bolsonaro nicht um einen Wandel der brasilianischen Umweltpolitik, sondern mehr darum, dass die internationale Presse nicht mehr so schlecht über das Land berichtet.

ZEIT ONLINE: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron droht Bolsonaro mit einer Blockade des Freihandelsabkommens der EU mit dem südamerikanischen Wirtschaftsblock Mercosur, wenn er nicht seine Umweltpolitik ändert. Wie wichtig ist der Abschluss des Abkommens für Brasiliens Farmer?

Stuenkel: Es ist erst mal kein Zufall, dass ausgerechnet Macron damit gedroht hat, denn Frankreichs Regierung ist selbst nicht zufrieden mit dem Freihandelsabkommen. Aber Macron ist der Schutz des Regenwaldes natürlich ein ernstes Anliegen. Für Brasilien ist das Abkommen wichtig und die Regierung feiert es als Erfolg. Die Farmlobby macht sich jetzt große Sorgen und bereitet sich auch auf potenzielle Boykottbewegungen gegen brasilianische Produkte vor. Wenn in Brasilien eine bessere Klima- und Waldpolitik erreicht werden kann, dann nicht etwa, weil der Präsident glaubt, dass der Klimawandel schlecht sei, sondern weil er auf den Druck der Farmerlobby reagiert, die ein Teil seiner Wählerschaft ist. 

ZEIT ONLINE: Sind Veränderungen in der Umweltpolitik Bolsonaros also nur möglich über ökonomischen Druck und wegen des zunehmend schlechten internationalen Images Brasiliens? 

Stuenkel: Ja, wobei seine Regierung aus verschiedenen Fraktionen besteht. Für Bolsonaro selbst ist die Kritik an der Umweltpolitik gar nicht so schlecht. Ihm ist das Freihandelsabkommen nicht so wichtig, er ist mehr ein ökonomischer Nationalist, ein Protektionist, ähnlich wie Donald Trump. Um die Wahlen zu gewinnen, hat er sich aber einen liberalen Ökonomen als Wirtschaftsminister ins Boot geholt.

Wie Trump lebt auch Bolsonaro davon, ein Feindbild zu haben. Beim US-Präsidenten ist es China, bei Bolsonaro sind es die Kritiker an seiner Umweltpolitik. Er nennt sie eine marxistische Verschwörung gegen Brasilien, deren Ziel es sei, den Amazonas zu besetzen. Auch im brasilianischen Militär, das unter Bolsonaro Einfluss gewonnen an, hört man häufig, dass Kritik an der Abholzung des Amazonas nur Teil eines internationalen Planes sei, die Souveränität Brasiliens zu unterwandern und sich Zugang zu den Bodenschätzen zu verschaffen.

ZEIT ONLINE: Bolsonaro hatte schon vor seiner Wahl angekündigt, Umweltkontrollen zu lockern und das Umweltministerium abzuschaffen. Außerdem meint er, dass ihm der Schutz des Lebensraumes von Urvölkern nicht wichtig ist. Diese Denkweise ist aus unserer europäischen Sicht kaum nachzuvollziehen. Was für eine Ideologie steht dahinter?