Wenn der Blutzucker in die Höhe schießt, fühle sich das an, als schleppe man Zement im eigenen Körper mit sich herum, sagt Desralynn Cole. "Alles verschwimmt vor deinen Augen, der Mund ist trocken. Dein Gehirn funktioniert nicht richtig und du kannst kaum noch Gedanken formulieren." Die 36-Jährige kennt dieses Gefühl gut. Cole leidet unter Diabetes Typ 1. Die Diagnose erfordert immer persönliche Einschränkungen, auch wenn die Therapiemöglichkeiten gut sind. Doch in den USA kann Diabetes für Betroffene den finanziellen Ruin bedeuten. Der Grund dafür sind die horrenden Medikamentenpreise, die ein Vielfaches höher sind als in allen anderen industrialisierten Ländern.

Desralynn Cole hat 2010 von ihrer Erkrankung erfahren. "Seitdem dreht sich mein Leben praktisch nur noch um die Frage, wie ich meine Medikamente finanzieren kann", sagt sie. 500 Dollar pro Monat kosten die zwei Sorten Insulin und die Messinstrumente für den Blutzuckerspiegel, auf die sie angewiesen ist. Coles Versicherung zahlt davon fast nichts, weil ihr Selbstbehalt 4.000 Dollar pro Jahr beträgt und selbst oberhalb dieser Summe eine Zuzahlung fällig wird. Neben ihrer Stelle in der Stadtverwaltung von Minneapolis musste sie noch einen Nebenjob in einer Obdachlosenunterkunft annehmen, um ihre Medikamentenkosten zu decken.

Die groß gewachsene Frau mit der weichen Stimme erzählt ihre Geschichte ohne erkennbaren Groll – als sei der tägliche finanzielle Kampf um die eigene Gesundheit ein ganz normaler Bestandteil des Lebens.

Medizintourismus über die kanadische Grenze

Cole steht auf einem Parkplatz in Detroit. Nur wenige Hundert Meter von hier kann sich kaum jemand vorstellen, wie das ist, wenn man sich überlebenswichtige Medikamente nicht leisten kann. Die Auffahrt nebenan führt zur Ambassador Bridge, die über den Detroit River den US-Bundesstaat Michigan mit Kanada verbindet. Dort kostet Insulin etwa 90 Prozent weniger als in den Vereinigten Staaten.

Deshalb überqueren Medizintouristen die Grenze, um sich mit überlebenswichtigen Arzneien einzudecken. Cole und 14 weitere Diabetes-Patienten wollen an diesem Tag mit einem gecharterten Bus aus demselben Grund ins benachbarte Windsor, Ontario, fahren. In kleinen Mengen und für den Eigenbedarf tolerieren die Behörden die Einfuhr von Medikamenten. Diverse Organisationen bieten solche Touren Richtung Norden an.

Angeführt wird die Fahrt heute von US-Senator Bernie Sanders. Der sozialistische Präsidentschaftskandidat hat schon vor fast 20 Jahren Krebspatientinnen über die Grenze nach Kanada begleitet, um dort billige Medikamente zu kaufen und die Profitgier der US-amerikanischen Pharmaindustrie anzuprangern.

Die Unbarmherzigkeit des Markts

Doch warum ist Insulin für die knapp 1,25 Millionen Typ-1-Diabetiker in den USA so teuer? Dafür gibt es mehrere Gründe. Während die meisten hoch entwickelten Staaten dem Gesundheitssektor strikte Vorgaben zu Arzneimittelpreisen machen, ist die Branche in den USA weitgehend unreguliert. Allein zwischen 2012 und 2016 haben die Pharmahersteller laut einer aktuellen Studie des Health Care Cost Instituts die Preise für Insulin verdoppelt. Auch für andere überlebenswichtige Arzneimittel, zum Beispiel zur Bekämpfung von Krebs, sind die Preise stark gestiegen. Die Profite nutzten die Unternehmen vor allem für Aktienrückkäufe zur Steigerung des Börsenkurses und für Dividendenauszahlungen an Aktionäre.

Zudem verhindern Patente, dass andere Hersteller günstigere Versionen eines Medikaments anbieten. Wer ein neues Arzneimittel entwickelt hat, darf es laut US-Recht 20 Jahre exklusiv herstellen. Um auslaufende Patente noch länger zu schützen, melden die Unternehmen oft weitere Patente für dasselbe Medikament an. Statt echter Weiterentwicklungen wird häufig jedoch nur die Dosis oder die Darreichungsform leicht verändert. Laut einer Studie der Non-Profit-Organisation I-Mak haben US-Unternehmen für die zwölf meistverkauften Medikamente in den USA im Durchschnitt 71 Patente genehmigt bekommen. Und selbst nachdem das Exklusivrecht endet, können Konzerne andere Unternehmen dafür bezahlen, kein Konkurrenzprodukt herzustellen. So halten sich die Branchenführer die Konkurrenz vom Leib und können ungehindert die Preise in die Höhe treiben.

Die Konzerne argumentieren, dass Patente und die hohen Preise notwendig seien, um die teure Forschung und Entwicklung von Medikamenten zu finanzieren. In der Tat kostet die Entwicklung eines neuen Arzneimittels mitunter mehrere Milliarden Dollar. Laut einer Analyse von Forschern an der Harvard-Universität aus dem Jahr 2016 gebe es jedoch "keinen Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Forschungs- sowie Entwicklungskosten und Preisen". Die Preise für verschreibungspflichtige Medikamente würden sich in erster Linie nach den Marktbedingungen richten. Das heißt im Klartext: Die Patienten werden zum Spielball der unbarmherzigen Marktmechanismen. Denn wenn ein Medikament – wie Insulin – unverzichtbar ist, sind die Menschen gezwungen, dafür jede Summe zu zahlen. Der Überlebenswille wird eingepreist.