Es ist wahrscheinlich keine Übertreibung: Was Israels Premier Benjamin Netanjahu am Donnerstag entschieden hat, wird möglicherweise die besondere Beziehung zwischen den USA und Israel auf lange Zeit beschädigen. Wie so häufig, hat Netanjahu unter erheblichem Druck einen absurden Zickzackkurs eingeschlagen, indem er eine bereits getroffene Entscheidung einfach aufhebt und dann das Gegenteil anordnet.

Was ist geschehen? Schon vor einiger Zeit haben Ilhan Omar und Rashida Tlaib angekündigt, nach Israel reisen und die palästinensischen Gebiete besuchen zu wollen. Die beiden Frauen sind die ersten muslimischen Kongressabgeordneten in der Geschichte der USA, sie gehören der demokratischen Partei an, sie sind jung und stehen – neben Alexandria Ocasio-Cortez – seit den jüngsten Kongresswahlen im Fokus der medialen Aufmerksamkeit. Ilhan Omar fiel mehrfach mit antisemitischen Äußerungen auf, musste sich immer wieder dafür entschuldigen. Sie und Rashida Tlaib befürworten die BDS-Bewegung, sind also Anhängerinnen der Boykott-Bewegung gegen Israel, die in großen Teilen zutiefst antisemitische Argumentationsmuster gegen den jüdischen Staat benutzt. Rashida Tlaib fordert zudem einen einzigen Staat zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan, was nichts anderes bedeuten würde als das Ende des jüdischen Staates. Als die beiden Frauen ankündigten, in die Region reisen zu wollen, war klar, dass Israel gute Gründe hatte, mehr als skeptisch zu sein und sich zu überlegen, ob es Omar und Tlaib ins Land lassen wolle. Doch schnell wurde entschieden, dass man sie nicht abweisen könne. Aus demokratischen Gründen, aber auch, um die Beziehungen zwischen den USA und Israel nicht zu belasten. Wie hätte das ausgesehen, wenn der jüdische Staat zwei gewählte US-Kongressabgeordnete zurückgewiesen hätte?

Netanjahu, der Politprofi, wusste all das, und so war das Okay aus Jerusalem eine reine Formsache. Am Donnerstag kam dennoch die Kehrtwende. Der Grund: US-Präsident Donald Trump wollte es so. Hinter den Kulissen brodelte es schon länger. Und dann kam am Nachmittag ein Tweet von Trump: "Es würde große Schwäche ausdrücken, wenn Israel Omar und Tlaib erlauben würde, das Land zu besuchen. Sie hassen Israel und das gesamte jüdische Volk, und nichts kann gesagt oder getan werden, um ihre Meinung zu ändern."

Netanjahu setzt die sichere Unterstützung der USA aufs Spiel

Was blieb Netanjahu anderes übrig, als dem "Wunsch" des Weißen Hauses Folge zu leisten? Die langjährige Politik des israelischen Premiers, ausschließlich die Unterstützung der Republikaner zu suchen und sich gegen die Demokraten zu stellen, brachte ihn nun in Zugzwang.

Die Beziehung zwischen ihm und dem demokratischen Präsidenten Barack Obama, den er mehrfach hinterging, vorführte und in der Öffentlichkeit maßregelte, war zerrüttet. Seither hatte sich auch das Verhältnis zwischen den Demokraten und Netanjahus Israel merklich abgekühlt. Netanjahus unzweideutige Unterstützung Donald Trumps machte ihn in deren Augen zudem zum Handlanger eines Präsidenten, der die amerikanische Nation nicht nur spaltet, sondern die Spielregeln der demokratisch-liberalen Grundordnung mit Füßen tritt. Israel drohte unter Netanjahu seinen Status als bi-partisan issue, als ein für beide amerikanischen Parteien wichtiges und unzweifelhaftes Thema, zu verlieren. Mit der Entscheidung vom Donnerstag könnte Netanjahu allerdings das Verhältnis nicht nur zu den Demokraten, sondern zur Mehrheit der amerikanischen Nation auf Jahre beschädigt haben, der jüdische Staat könnte sich in Zukunft möglicherweise nicht mehr automatisch auf die sichere Unterstützung der USA verlassen. 

Denn selbst wenn derzeit noch ein "alter weißer Mann" im Weißen Haus sitzt, das zukünftige Amerika ist mehrheitlich of color, also: bunt. Junge Schwarze, Hispanics, Asiaten und andere werden bald das Bild und die Politik der USA bestimmen und die meisten von ihnen stehen den Palästinenserinnen und Palästinensern näher als Israel. Für die jungen amerikanischen Bürgerinnen und Bürger sind der Holocaust und die Kriege Israels, in denen der junge Staat ums nackte Überleben kämpfte, Geschichte. Das gilt übrigens auch für die Mehrheit der jungen amerikanischen Jüdinnen und Juden, die sich schon lange nicht mehr mit der Politik Israels identifizieren können. Selbst die mächtige, Netanjahu-nahe Israel-Lobby Aipac kritisierte am Donnerstag die Entscheidung des Premiers, Omar und Tlaib nicht ins Land zu lassen.

Vorlage für die Feinde des jüdischen Staates

Aber Netanjahu blieb keine andere Wahl. Sein politisches Überleben im aktuellen israelischen Wahlkampf hängt vom Wohlwollen Trumps ab. Und der schießt sich schon seit Längerem auf die jungen, weiblichen Kongressabgeordneten der Demokraten ein: In jüngster Zeit sorgte er für Skandale wegen rassistischer Äußerungen gegen sie. Während in Israel am 17. September gewählt wird, wählen die USA nächstes Jahr. Aber Trump mobilisiert schon jetzt seine Gefolgschaft. Und das sind vor allem Weiße und Evangelikale. Rassistische Äußerungen gegen muslimische Abgeordnete kommen bei denen gut an. Sie auch noch – nicht ganz ohne Grund – als Antisemitinnen zu brandmarken, ist weniger der Versuch, die amerikanischen Juden, die mehrheitlich die Demokraten wählen, für sich zu gewinnen, als vielmehr den Einfluss von mehr als 50 Millionen Evangelikalen gegen die Demokraten zu gewinnen, die klar und eindeutig auf der Seite Israels und Netanjahus stehen.

Netanjahu verspielt so nicht nur den guten Willen eines großen Teils der USA. Er spielt den Israel-Feinden und damit auch Ilhan Omar und Rashida Tlaib in die Hände. Sie können die Ablehnung aus Jerusalem propagandistisch ausnutzen. Vergangene Woche besuchten 41 Abgeordnete (Republikaner und Demokraten) Israel, nun dürfen zwei muslimische Abgeordnete of color nicht kommen. Israel wird von der antizionistischen Lobby in den USA erst recht als rassistischer, illiberaler Staat gegeißelt werden – und viele Amerikanerinnen und Amerikaner werden dies vielleicht zum ersten Mal auch so sehen.

Doch Netanjahu ficht das alles nicht an. Er braucht Trump für seine politischen Pläne, er weiß, dass er mit einem demokratischen Präsidenten nur Schwierigkeiten bekäme, also setzt er auf das einzige Pferd, das ihm noch bleibt. Doch selbst wenn Netanjahu und Trump ihre Wahlen gewönnen, so wäre dies für den israelischen Premier dennoch keine Garantie auf eine "glückliche Zukunft". Trump ist bekannt für seine Volten, im Grunde sind ihm Israel und der gesamte Nahe Osten egal. Was geschähe, wenn Trump eines Tages plötzlich eine Politik gegen Israel betreiben würde? Dann könnte sich Netanjahu mit Sicherheit nicht mehr an den Kongress wenden, so wie er das noch in der Zeit von Barack Obama getan hatte. Nein, Netanjahu hat sich und sein Land in eine Sackgasse geführt. Die Zukunft wird zeigen, ob und wie ein potenzieller Nachfolger Netanjahus irgendwann einmal die Beziehung zwischen Israel und den USA wird kitten können.