Etwa 40 Schamanen wirbeln mit den Köpfen und trommeln unentwegt im Takt. Tief aus ihrem Rachen kommen die sibirischen Gebete. Sie sollen dafür sorgen, dass endlich Regen auf die brennenden Wälder Sibiriens niedergeht. Die heidnischen Geistlichen in bunten Kleidern haben sich zu diesem gemeinsamen Ritual auf der Insel Olchon im Baikalsee versammelt.

Etwa zur gleichen Zeit im Tausende Kilometer entfernten Moskau vollführen auch die Staatsmedien ihr Ritual. Fast stündlich präsentieren sie ihren Zuschauern startende Löschflugzeuge und Erfolgsmeldungen. Putin habe das Verteidigungsministerium angewiesen, die Brände zu löschen. Vor gerade einmal zwei Wochen hatten die rekordverdächtigen Waldbrände in Sibirien und in Russlands Osten weder die Staatsmedien noch die Moskauer Opposition interessiert. Binnen Wochen haben die eigentlich naturgemäßen Brände in der Taiga katastrophale Ausmaße erreicht und drei Millionen Hektar Wald, insgesamt also ein Areal so groß wie Nordrhein-Westfalen, erfasst.

Sibirien - Russische Waldbrände inzwischen größer als die Schweiz Laut Greenpeace Russland stehen 4,3 Millionen Hektar Waldfläche in Flammen. Einige Feuer könnten absichtlich gelegt worden sein, um Spuren illegaler Rodungen zu verbergen. © Foto: Press Service of the Republic of Sakha / REUTERS

Währenddessen demonstrierte die Opposition in den Metropolen Moskau und Sankt Petersburg gegen den Ausschluss unabhängiger Kandidaten. Auch der Kreml hatte die Lage in Sibirien nicht kommentiert. Zu sehr waren die Behörden damit beschäftigt, die Proteste in Moskau mit Gewalt zu unterdrücken. Lediglich in den sibirischen Städten, über die sich der Rauch der brennenden Taiga legte, sammelten Menschen Unterschriften und forderten die lokalen Behörden auf, endlich Maßnahmen zu ergreifen.

Moskau schickt die Armee und Ermittler

Die Wende brachte offenbar ein flapsiger Kommentar des Gouverneurs des Gebiets Krasnojarsk, Alexander Uss. Bei einem Treffen mit Studenten der Sibirischen Föderalen Universität erklärte er die Brände zu einer normalen Erscheinung. Es sei sinnlos und zum Teil sogar schädlich diese Brände zu bekämpfen. "Niemand kommt auf die Idee im Winter Eisberge zu schmelzen, damit wir es hier wärmer haben", sagte Uss. Seine Worte lösten eine Empörungswelle aus. Sportler, Popstars und Schauspieler meldeten sich zu Wort und forderten, endlich mit den Löscharbeiten zu beginnen. Selbst Hollywoodschauspieler Leonardo DiCaprio wies in einem Instagram-Post auf die Brände hin. In der Regionalhauptstadt Krasnojarsk versammelten sich derweil mehrere Tausend Demonstranten, um den Rücktritt ihres Gouverneurs zu fordern.

Seit Tagen nun haben sich Moskauer Behörden auf die lokalen Machthaber eingeschossen. Anfang August hatte Putin nicht nur eiligst Einheiten des Verteidigungsministeriums nach Sibirien geschickt, sondern auch seine Ermittlungsbehörden. Prompt kam die Staatsanwaltschaft zum Schluss, dass die regionalen Behörden in Irkutsk die Statistiken verfälscht hätten, um das Ausmaß der Brände kleinzureden.

Zudem sollen viele Brände dort gelegt worden sein, um illegale Waldrodungen zu verschleiern. Auch in Krasnojarsk wird der Verdacht auf solche Verstöße geprüft. Im Rating der Moskauer Beratungsfirma Agentur für politische und wirtschaftliche Kommunikation, die regelmäßig den Einfluss von Regionalchefs misst, stürzte der Gouverneur der Region Irkutsk, Sergej Lewtschenko, gleich um sechs Positionen auf Rang 84 ab. Sein Kollege Uss fiel vom 15. auf den 28. Platz.