Zwei Tage nach der Präsidentschaftswahl in Afghanistan haben sich beide Kandidaten zum Sieger erklärt. Sowohl Amtsinhaber Ashraf Ghani als auch sein Herausforderer Abdullah Abdullah reklamieren für sich, die meisten Stimmen gewonnen zu haben. "Wir haben bei dieser Wahl die meisten Stimmen", sagte etwa Regierungschef Abdullah in Kabul. Eine Stichwal werde nicht nötig sein. Zuvor hieß es aus Ghanis Team: "Nach unseren Informationen haben 60 bis 70 Prozent der Menschen für unser Team gestimmt".

Die Wahlkommission wies daraufhin beide Männer in die Schranken. "Kein Kandidat hat das Recht, sich zum Sieger zu erklären", sagte ein Vertreter der Kommission. Das Gremium will stattdessen erst am 19. Oktober vorläufige Ergebnisse bekannt geben. Sollte keiner der Kandidaten im ersten Anlauf mehr als 50 Prozent der Stimmen erhalten, ist für November eine Stichwahl vorgesehen. Das endgültige Wahlergebnis wird für den 7. November erwartet.

Am vergangenen Samstag waren mehr als neun Millionen Afghanen dazu aufgrufen, aus insgesamt 18 Kandidaten einen neuen Präsidenten zu wählen – überschattet von Dutzenden Angriffen auf Wahlbüros, zu denen sich meist die radikalislamischen Taliban bekannt hatten. Laut der Stiftung Transparente Wahl, die am Wahltag 5.200 Beobachter eingesetzt hatte, verlief dieser erste Wahlgang jedoch besser als 2014. Auch die Sicherheitsvorkehrungen seien effizienter gewesen.

Ursprünglich sollte die Abstimmung bereits im April stattfinden. Doch die Wahl wurde zweimal verschoben – unter anderem wegen der inzwischen abgebrochenen Friedensverhandlungen zwischen den USA und den Taliban. Diese Gespräche hatte US-Präsident Donald Trump jedoch inzwischen für "tot" erklärt. Viele in Kabul warnen deshalb nun vor einer neuen innenpolitischen Krise, sollte die Wahl – wie bereits 2014 – in einem gefährlichen Patt enden.

Vor fünf Jahren hatten sich Ghani und Abdullah schon einmal jeweils als Sieger erklärt. Es folgten monatelange Unruhen, als beide sich gegenseitig des Betrugs beschuldigten. Erst unter Vermittlung der US-Regierung des damaligen Präsidenten Barack Obama und seines Außenministers John Kerry einigten sich beide auf eine Regierung der nationalen Einheit. Ghani wurde Präsident und Abdullah erhielt den neuen Posten des Regierungsgeschäftsführers. Das verhinderte Analysten zufolge zwar eine Krise und vielleicht sogar einen neuen Bürgerkrieg, aber auch substanzielle Fortschritte im Land, da die beiden Lager in vielen Fragen uneins waren.

Abdullah zufolge soll sich ein solch friedlicher Kompromiss nicht wiederholen. Bereits vor der Wahl hatte er gesagt, seine Anhänger seien dieses Mal nicht bereit, einen legitimen Wahlsieg zu opfern.