Der Iran bricht das Atomabkommen stückchenweise. Am Wochenende hat der Leiter der iranischen Atombehörde angekündigt, man werde 40 hochmoderne Zentrifugen in Betrieb nehmen. Schon zuvor hatte sich der Iran von der im Abkommen von 2015 festgelegten Obergrenze von 3,67 Prozent Anreicherung verabschiedet. Eine neue Obergrenze nennt die Regierung in Teheran nicht. Ob man demnächst die kritische Schwelle von 20 Prozent erreichen wolle, darüber schweigt die Teheraner Regierung. Ab 90 Prozent könnte das Land Atombomben herstellen. 

Die iranische Ankündigung hat zwei Adressaten: erstens US-Präsident Donald Trump, der das Abkommen 2018 einseitig aufkündigte, also brach – seither fährt der Iran die Reaktoren hoch. Und zweitens die europäischen Vertragsstaaten, die versuchen, das Abkommen zu retten. Den Graben zwischen beiden Seiten versucht die iranische Regierung für ihre Zwecke zu nutzen. 

Sie führt dem US-Präsidenten vor, dass man sich von der amerikanischen "Politik des maximalen Drucks" nicht beeindrucken lässt. Weder gibt der Iran sein Atomprogramm auf, noch erklärt sich das Land bereit zu Verhandlungen ohne Vorbedingungen, wie Trump es sich wünscht. Beim G7-Gipfel in Biarritz hatte es kurzzeitig so ausgesehen, als würde Trump auf Vermittlung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron mit seinem iranischen Amtskollegen sprechen können. Doch seither hat sich nichts getan

So viel steht fest: Trump hat den Revolutionsgarden in Teheran mit dem Bruch des Abkommens den Weg zur Atombombe wieder geöffnet. Das Land kann nun stets neue Bedingungen stellen, es bricht Stück für Stück aus dem Abkommen aus, ohne dass die Amerikaner oder irgendwer anders dies stoppen können. Auch nicht die oberschlauen Saudis und Israelis, die Trump einst zum Bruch des Abkommens rieten. Die letzte Notbremse wäre der große Krieg gegen den Iran, den aber keiner führen will. Die Teheraner Revolutionsgardisten sind die Hauptprofiteure der Entscheidung Trumps, das Abkommen zu brechen: Er hat ihnen den Anlass geliefert, ihr Atomprogramm wieder anzufahren. Der Altmeister der Strategie, der französische Außenminister Talleyrand, hätte hier geseufzt: "Es ist schlimmer als ein Verbrechen, es ist eine Dummheit!"

Für die Europäer, vor allem für die drei Vertragspartner des Abkommens, Deutschland, Frankreich und Großbritannien, rückt der Moment der Entscheidung näher. Die Regierung in Teheran übt mit der Ankündigung, die 40 Zentrifugen wieder anzufahren, direkten Druck auf sie aus und bringt die E3 in eine Zwangslage: Denn die Iraner fordern einen milliardenschweren Ausgleich für die harschen US-Sanktionen. Den aber können die Europäer unmöglich leisten, wenn sie nicht selbst Ziel von US-Sanktionen werden wollen. Deshalb versuchen sie, einen Teil des Handels mit dem Iran zu erhalten.

Das Mittel dafür ist eine Zahlungsagentur namens Instex mit Sitz in Paris und einem deutschen Chef. Die europäische Agentur ist weitgehend arbeitsfähig, nur die Iraner haben das notwendige Pendant noch nicht eingerichtet. 

Die Europäer müssen Instex und sein iranisches Gegenüber jetzt endlich an den Start führen. Zugleich aber sollten sie dem Iran klarmachen, dass eine Anreicherung von Uran auf 20 Prozent oder mehr die Lage für sie komplett ändern würde. Wenn der Iran die Zeit zum Bau einer Atombombe erheblich verkürzt, sollten auch die Europäer Sanktionen verhängen.  

Und ganz gleich, was die Iraner tun oder nicht: Die Europäer, vor allem Deutschland und Frankreich, sollten alsbald mit dem Aufbau eines Raketenabwehrschirms beginnen, der das bereits in Rumänien vorhandene System ergänzt. Dieser sollte in 10 oder 15 Jahren in der Lage sein, iranische Raketenangriffe abzuwehren. Die Produktion entsprechender Systeme ist längst beschlossen. Jetzt sollten Taten folgen.