Boris Johnson ist bereit, für einen Brexit am 31. Oktober alles zu opfern: die politische Etikette, den respektvollen Umgang mit dem politischen Gegner. Im Unterhaus beschimpft er Abgeordnete als "unfähig" und die Opposition als "feige". Das Urteil des Supreme Court gegen die von ihm verhängte Parlamentspause sei falsch. Die EU-Anhänger, die er auch auf der Richterbank wähnt, wollten ihn nur dazu zwingen, zu kapitulieren. Seine Botschaft: Das Volk (oder genauer: die 17,4 Millionen Briten, die für den EU-Austritt gestimmt haben) sollen vom politischen Establishment um den Brexit betrogen werden.

Johnson will das verhindern – komme, was wolle. Seine Strategie hat er dem Parlament und der Öffentlichkeit in den vergangenen Wochen lautstark eingehämmert. Auf dem Tory-Parteitag in Manchester wird er damit weitermachen. "Wir schaffen den Brexit", ist das entsprechende Motto des Parteitags.

Seine Polemik, seine Tiraden sind gezielte Strategie, um sich für die Neuwahlen zu positionieren, die irgendwann in den kommenden Monaten stattfinden müssen, egal, ob der Brexit vollzogen oder verschoben wird. Unterstützt wird er dabei von der britischen Boulevardpresse. So schreibt etwa der Daily Express: Der Premierminister werde nicht kapitulieren, wenn es um einen No-Deal-Brexit gehe. Johnsons martialisch aufgeladene Rhetorik wurde in den vergangenen Tagen stark kritisiert. Den Premierminister ficht das aber nicht an. Im Gegenteil: Es scheint ihn sogar anzuspornen.

Trump lässt grüßen

Johnsons Chefberater, Dominic Cummings, der 2016 die Kampagne Vote Leave angeführt hat, zündelt ebenfalls: "Was erwarten die Abgeordneten, wenn man dem Volk vor drei Jahren den Austritt aus der EU, der Zollunion und dem Binnenmarkt versprochen hat, und jetzt die Kehrtwende predigt?", sagte Cummings am Donnerstag. "Wir werden die EU verlassen und wir werden gewinnen." 

Aus Regierungskreisen wird gleichzeitig gestreut, man befürchte Unruhen, ähnlich wie sie in Frankreich die Gelbwesten entfacht hätten, wenn es keinen Brexit am 31. Oktober gebe. Boris Johnson will die Wut in der Bevölkerung stärken, um gleichzeitig vor dieser zu warnen. Sein Kalkül ist, dass die Wählerinnen und Wähler seine Standfestigkeit gegen das politische Establishment honorieren werden.

Johnsons Strategie ähnelt damit immer mehr der des US-Präsidenten Donald Trump: Auf der einen Seite steht das Volk und auf der anderen die demokratischen Institutionen, das Parlament, die Gerichte und die Medien. Die entscheidende Frage der kommenden Tage ist nun, ob ihm seine Konservative Partei folgt. In den USA haben weite Teile der Republikaner aufgegeben, haben sich an Trump gehängt, sind ohnmächtig oder vielleicht zu erpicht auf Macht, um Trump zu mäßigen oder ihn gar abzusetzen.

Der Parteitag in Manchester wird zeigen, ob sich eine ähnliche Entwicklung in Großbritannien abzeichnet. Die Vorgänger Johnsons im Amt des Premierministers haben die demokratischen Institutionen nie infrage gestellt, das Parlament zum Feind erklärt oder es gewagt, die Queen zu belügen. Aber wie viel ist vom klassischen britischen Konservatismus noch übrig?